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M.D. Schoppenhorst
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  03-10-2018 18:41 03-10-2018 18:41 149  Gelesen 149 Gelesen
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"Großstadtvampire – Schicksalhafte Begegnungen" Der offizielle Band 1 der Fantasy-Reihe von M.D. Schoppenhorst.



Egon Wächter ist der menschlichste Vampir, den sein Blutsaugerfreund Herbert kennt. Er wohnt mitten in Berlin, hat einen Job und gute Bekannte unter den "Normalen".
Auf einem Jagdausflug trifft er auf die unerfahrene Vampirin Olga, in die er sich sofort verliebt, doch ein anderer mächtiger Vampir kommt ihnen in die Quere.

Egon stürzt in ein Gefühlswirrwarr, das es ihm nicht leicht macht, sein Ziel im Auge zu behalten.



Leseprobe:



Ereignisreiche Jagd

Die Straße im Berliner Stadtteil Frohnau war durch die altmodischen Gaslaternen nur unzureichend beleuchtet. Das machte Egon nichts aus, die Dunkelheit war sein Freund. Er konnte hervorragend in der Nacht sehen. Menschen nahmen ihn vielleicht als geringfügig tieferen Schatten wahr, oder es irritierte sie ein Glitzern aus seinen eisgrauen Augen. Er verbarg sich vor den Blicken eines späten Spaziergängers mit Hund. Der Mann war offensichtlich angetrunken. Er pfiff ein schräges Liedchen und bewegte sich etwas zu schwungvoll, um als nüchtern durchzugehen. Die beiden bemerkten ihn nicht, nur der Labrador hob kurz die Nase in seine Richtung. Egon erfühlte die Gedanken des Rüden: Mein Herrchen schert sich nicht um den leeren Umhang dort vorne, dann muss ich mich auch nicht darum kümmern. Der Hund witterte nur seine Kleidung. Kein Vampir besitzt Eigengeruch. Heute war Egon unparfümiert. Ein Glück, antwortete er dem Labrador stumm. Er hasste es, nachts gesehen zu werden, denn im Dunkeln fielen seine glänzenden Augen auf. Für die weißgefleckte Katze hinter dem nächsten Gartenzaun war er anscheinend deutlich zu erkennen. Sie entdeckte ihn, fauchte, buckelte und knurrte, sträubte das Rückenfell und richtete ihren Schwanz hoch auf. Als Egon sich fließend bewegte, drehte sie sich blitzschnell um und flüchtete mit einem panischen Maunzen. Er ärgerte sich, dass das Tier ihn durchschaut hatte. Egon seufzte. Du dummes Vieh, dachte er. Du lenkst noch die Aufmerksamkeit auf mich. Doch Mann und Hund interessierten sich nicht für den Katzenschrei. Doofe Katze, empfing er den Gedanken des Rüden. Von dem Menschen erfühlte er lediglich Emotionen – er war nicht beunruhigt. Dies war eines seiner Vampirtalente: unvollständige Telepathie, der Teil einer großen Gabe. Ein Hund, das wäre mal Abwechslung im Speiseplan. Versonnen blickte er dem Labrador hinterher und leckte sich die Lippen. Nicht, wenn der Mann dabei ist.
Er wendete sich ab und eilte auf die Querstraße zu, hinter der sofort der Wald begann. Dort tauchte er in die Dunkelheit des Gebüschs ein. Schon bald witterte er Beute: Weit entfernt, bestimmt vierhundert Meter, wühlte eine Rotte Wildschweine in der Erde. Viel mehr interessierten ihn jedoch die nahebei stehenden Rehe, die ihn nicht bemerkt hatten. Rehwild schmeckte deutlich angenehmer als Wildschweinblut, das sehr kräftig – fast erdig – im Geschmack war, allerdings länger sättigte. Dass seine Opfer so nahe standen, enttäuschte Egon. Die Jagd würde enden, bevor sie richtig begonnen hatte. Eine wilde Hatz machte Spaß und bot Abwechslung im trägen Großstadtleben. Er überlegte, ob er die Tiere nicht aufscheuchen sollte, nur fürs Jagdvergnügen, da spürte er eine Anwesenheit – eine, wie er sie nur selten wahrnahm.
Er empfand ein leichtes Kribbeln auf der Haut, Vibrationen in den Ohren und Gedanken, die er nicht deuten konnte. Gefühle nahm er nicht wahr, die entwickelten sie ohnehin nicht. Kein Zweifel! Ein Blutsauger befand sich nicht weit entfernt von den Wildschweinen. Sein Hunger wurde unwichtig. Er hatte die Chance, einen neuen Artgenossen kennenzulernen. Die Schwingungen dieses Vampirs kannte er nicht. Egons Gabe der schnellen und lautlosen Fortbewegung half ihm, sich dem Fremden unauffällig zu nähern. Dieser beobachtete die Schweine und schien ihn nicht zu bemerken, was ihn verwunderte. Endlich erkannte er die Gestalt. Sie war wunderschön. Ihr langes, lockiges Haar glitzerte silbern, wie ihre Augen. Ihr blasser Teint leuchtete, der Mund war dunkel geschminkt. Aufregend! Der Großstadtvampir war hingerissen – gefesselt von ihrem Anblick. Vom Anblick der ersten Vampirfrau, die er je gesehen hatte. Er räusperte sich und erschrak augenblicklich über den Mut, sich einem so unwirklich schönen Wesen zu offenbaren. Reflexartig schaute er an sich hinunter. Abgewetzte Springerstiefel, kunstvoll zerrissene graublaue Jeans, um die Hüfte geschlungene Ketten und ein verwaschenes, ehemals schwarzes Westernhemd. Das Outfit eines zweiundzwanzigjährigen, schlaksigen Gothic vervollständigten ein langer, dunkelblauer Samtumhang und ein dunkler Segeltuchrucksack. Die silberne Haut seiner Hände schimmerte wie das Gesicht der fremden Vampirin. Insgesamt fühlte er sich wenig eindrucksvoll. Sein Räuspern hatte die Wildschweine gestört. Die Bachen scharrten mit den Klauen und grunzten im Bass, Frischlinge quiekten leise. Offensichtlich witterten sie Egon, denn sie wandten ihm die Köpfe zu. Ich sollte nicht mit frisch gewaschenen Kleidern auf die Jagd gehen, fiel ihm ein. Tiere erkennen den Geruch. Wie blöd von mir! Einen Angriff fürchtete er nicht – zu Recht. Sie rannten im wortwörtlichen Schweinsgalopp an ihm vorbei.
„Idiot!“, hörte er die Fremde fluchen. „Verdammter Blödmann!“
„Entschuldigung“, krächzte Egon zerknirscht. „Sie sind so wunderschön. Das lenkt mich ein wenig ab.“ „Ach ja?“, keifte sie, „Du hast mein Abendessen verscheucht.“ Das war eine seltsame Art, auf ein Kompliment zu reagieren, fand er.
„Wir kriegen sie noch. Das ist doch klar“, er sah ihren zweifelnden Gesichtsausdruck und ahnte voraus, dass sie heftig antworten würde.
„Ich hab echt keinen Bock, hinter den Viechern herzurennen.“ Sie stierte ihn mit hungrigem Blick an. Wieso regt sie sich so auf, fragte er sich. „Nicht?“, sagte er. „Für mich ist die Hatz der größte Spaß! Sie können uns nicht entkommen, das wissen Sie doch.“ Er begann theatralisch die Arme zu heben, was ihm sogleich peinlich war. Schnell brach er die Bewegung ab.
„Was soll ich wissen?“, fragte sie. „Ich habe keine Ahnung vom Jagen.“ Egon war höchst erstaunt und wusste keine Antwort. Sie lächelte zerknirscht. „Ich hab noch nie ein Tier oder etwas“, sie hielt einen Moment verlegen inne, „… anderes gejagt.“
„Und wovon lebst du?“ Aufgrund ihrer hilflosen Art verfiel er nun auch in das „Du“. Sie schien es nicht zu registrieren.
„Mein Meister gibt mir, was ich brauche.“
„Dein Meister?“ Er hatte noch nie davon gehört, dass ein Vampir einen Artgenossen Meister nannte. Er selbst hatte keinen Kontakt zu seinem Schöpfer. Ein anderer Großstadtvampir aus dem Süden Berlins hatte ihn kurz nach seiner Wandlung aufgenommen und ihm das Wichtigste über seine neue Existenz beigebracht. Doch dieser war nicht sein Meister.
„Er hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Er wacht über mich. Vater kann ich nicht zu ihm sagen. Mein Papa ist ja“, sie zögerte, „… normal.“ Also ist sie ganz jung, erkannte Egon.
„Wie alt bist du?“, fragte er mit sanfter Stimme, weil er ihre Reaktionen verstand.
„Zwanzig!“
„Das warst du, als …“, erklärte er und wedelte mit seiner rechten Hand, um sie aufzufordern, mehr zu erzählen.
„Oh – ach das meinst du!“ Sie legte ihre zierlichen Finger vor den Mund. „Ein paar Wochen.“ Verlegen schaute sie zu Boden.
„Vermisst dich niemand? Ich habe keine Berichte über eine verschwundene Zwanzigjährige gehört.“ „Ich bin mit vier Freundinnen unterwegs gewesen. Wir wollten einfach herumziehen und es uns ein Jahr lang gut gehen lassen. Ich schicke meinem Vater regelmäßig LetsChat-Nachrichten, die ihn beruhigen. Mein Handy funktioniert noch. Er soll sich keine Sorgen machen.“ Sie blickte ihn fragend an. „Jetzt hat mein Meister mich zu dem hier gemacht …“ Sie schaute auf ihre blassen Hände und zog eine Strähne ihres Haares vor die Augen, wie um Egon zu zeigen, dass sie ihre Verwandlung nicht recht glauben konnte. „Ich habe ständig Lust auf Blut. Das beunruhigt mich. Er gab mir das meiner Freundinnen.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte Verzweiflung. Dann schlug sie die Augen nieder und flüsterte: „Ich trinke das Blut meiner Freundinnen – ist das nicht schrecklich?“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu und blickte ihm flehend in die Augen. „Ich weiß von meinem Meister, dass ihr Großstadtvampire fast nie oder gar kein Menschenblut trinkt. Er verachtet euch deswegen. Deshalb bin ich hierher gelaufen. Außerdem will ich meine Familie sehen. Wir wohnen in Steglitz.“ Sie legte den Kopf schief. „Kannst du mir verraten, wie ich von Tierblut leben kann? Ich will nicht auf diesem Schloss bleiben, nichts weiter als mit meinem Meister herumhängen und das Blut meiner Freundinnen trinken.“
Egon nickte nachdenklich, verstand sie gut. Den Blutsaugern ist unbändiges Unabhängigkeitsstreben zueigen. Und sie war so jung, dass ihre Menschlichkeit sich noch nicht zurückgebildet hatte, weshalb ihr das Schicksal der Mädchen und ihrer Familie so nahe ging.
„Außerdem muss ich etwas tun, um meine Freundinnen da rauszuhauen!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf. Er drückte seine Hand mitleidig auf ihre Schulter.
„Das kann ich gut verstehen“, antwortete er. „Wenn du mir vertraust, würde ich dich gern unterstützen. Niemand hat das Recht, Menschen als Nahrungsquelle gefangen zu halten.“ Ihre Augen blitzten und sie strahlte ihn hoffnungsvoll an.
„Aber wir sind mächtiger als die normalen Menschen, nicht wahr? Ich kann irre schnell laufen und nachts super gucken, wie am Tag! Was ich jetzt alles rieche, Wahnsinn. Wir sind Vampire, stimmt’s? So, wie die von Twilight?“ Egon lachte kurz auf.
„Wir glitzern nicht in der Sonne. Am Tage sehen wir nur sehr blass aus und wir sind kalt. Und es ist tatsächlich so, wir sind Menschen in einigem überlegen. Unsere Sinne sind schärfer, wir rennen schneller, sind stärker und können sie mental beeinflussen. Ja, wir brauchen Blut zum Leben, aber nicht unbedingt Menschenblut. Ich erinnere mich nicht, es je getrunken zu haben. Mein Lehrer sagt, es macht uns betrunken.“ Er ließ sie los und verneigte sich. „Ich glaube, ich sollte mich vorstellen.“ Dabei schwang er seinen Umhang wie ein Musketier und sagte: „Ich bin Egon Wächter, Vampir seit rund hundertzwanzig Jahren, jung für einen unserer Zunft. Was man über das Zusammenleben mit Menschen wissen muss, werde ich dir trotzdem beibringen. Außerdem will ich versuchen, deine Freundinnen frei zu bekommen. Obwohl ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll.“
„Das wäre natürlich der Hammer“, antwortete sie freudig. „Mein Name ist Olga Cernikova …“ Sie raffte ihren knöchellangen, schwarzen Rock und machte einen formvollendeten Knicks, der so gar nicht zu ihrem Jargon passen wollte und Egon erheiterte. „… unerfahrene Vampirin. Ich hab echt Glück, dass ich dich kennengelernt habe!“ Sie lächelten einander schüchtern an. In Egon rührten sich zarte Gefühle – Schmetterlinge im Bauch. Das hatte er noch nie … Doch, vor langer Zeit, im Leben, als Mensch … Ja, er kannte diese Regung. Verliebte er sich etwa? War das überhaupt möglich?
„Die Schweine sind weit weg, aber ein paar Rehe stehen nahebei, wollen Sie nicht erst einmal etwas zu sich nehmen? Dann fange ich uns eines.“ Er ärgerte sich über sich selbst: Fällt dir nichts Besseres ein, als im Beisein einer solchen Göttin vom Essen zu reden?
„Wir waren schon beim Du, Herr Wächter. Oder darf man sich unter Vampiren nicht duzen?“ Sie schaute ihn verwirrt an.
„Doch natürlich, niemand verbietet uns das. Wir achten nur auf Höflichkeit.“ Nach einer kleinen Denkpause fragte er: „Also Reh? Das schmeckt gut.“
„Keine Ahnung, ich hab das doch noch nie probiert.“ Sie seufzte. „Hunger habe ich saumäßig.“
„Du solltest mit Rehwild anfangen“, erklärte er. „Diese Tiere fressen nur zarte Triebe, Kräuter und reines Gras. Ihr Blut ist würzig und leicht. Den Wildgeruch nimmt man kaum wahr.“
„Ich muss sie beißen, oder?“
„Nein, Olga!“ Er lachte auf. „Wie sollte ich mit diesen Zähnen ein Tier so beißen, dass ich an sein Blut komme?“ Egon öffnete den Mund, deutete auf sein vollkommen normales Menschengebiss und ergänzte: „Ich breche ihnen das Genick, öffne mit einem scharfen Klappmesser die Halsschlagader, lasse das Blut in einen Becher laufen und trinke. Mein Messer und einen Trinkbecher habe ich immer dabei.“
„Stimmt! Ich habe ja gar keine Fangzähne“, lachte Olga und verzog ihr Gesicht. „Deine Art zu trinken ist cool. Ich habe übers Jagen und Trinken noch nichts gehört, mein Meister hat mich von Mund zu Mund gefüttert.“ Sie schüttelte den Kopf, als könne sie diese Tatsache selbst nicht glauben. Es ekelte ihn bei dem Gedanken an diese Art der Nahrungsaufnahme. Schon spürte er einen Stich in der Herzgegend.
„Das magst du?“, wollte er mit leichtem Entsetzen in der Stimme wissen.
„Na ja …“, sie blickte verzagt, „eigentlich nicht. Aber ich war so durstig nach der Verwandlung. Ich hätte alles getan, um Blut zu bekommen.“ Er war erleichtert. Sie war nicht pervers. An den Heißhunger erinnerte er sich. Ihm war es kurz nach der Transformation genauso ergangen.
„Wer ist dein Schöpfer?“, erkundigte er sich. „Ich habe noch nie von einem Menschentrinker in unserer Gegend gehört. Außer dir kenne ich in Berlin nur einen Vampir, der ist ungefähr dreihundert, wohnt in Lichterfelde und ernährt sich wie ich. Und einen aus Potsdam, der ist auch Tierjäger.“ Er dachte an Herbert Höhberg, den er ab und zu traf. Ihn mochte er gern. Er hatte Humor und kannte sich gut im Vampirleben aus.
„Mein Meister heißt …“, setzte sie eine Antwort an, wurde aber von einem Rauschen wie von einer starken Windböe unterbrochen.
Äste knackten. Ein Schatten legte sich auf Olgas Gesicht. Plötzlich traf ein gewaltiger Schlag Egon an der Brust. Er flog zehn Meter weit durch das Gebüsch. Blitzschnell rappelte er sich auf. Als er wieder am Ort des Überfalls war, sah er den Umriss eines riesigen Mannes mit breiten Schultern, über denen die strampelnde Olga lag. Er hatte den linken Arm um ihre Beine gelegt und umklammerte mit der Rechten eines ihrer Handgelenke wie mit einem Schraubstock. Egon hatte noch nie einen Blutsauger gesehen, der so groß und kräftig war wie dieser Kerl. Seine Augen besaßen einen goldenen Glanz, ebenso sein kurzgeschnittenes Haar.
Der Fremde wandte sich dem erschrockenen Großstadtvampir zu und zischte ihm gefährlich leise durch fast geschlossene Zähne eine Warnung zu: „Du Knabe machst meine Olga nicht zu einer Tiersäuferin. Komm ihr nie wieder nahe, sonst zermalme und verbrenne ich dich.“
Die junge Vampirin schrie und trommelte mit der freien Faust auf der Brust des Vampirs herum. Sie wehrte sich nach Kräften gegen den eisenharten Griff des Riesen. Doch vergeblich. Er schien die Gegenwehr nicht einmal zu spüren, ging in die Knie, katapultierte sich hoch in die Luft und verschwand so schnell, wie er über die beiden hereingebrochen war. Geschockt blieb Egon stehen und versuchte gar nicht erst, hinterherzurennen. Offensichtlich war der Sprungflug eine Gabe des unheimlichen Fremden. Er hatte keine Chance, ihm zu folgen. Intensive Suche Er schüttelte sich und begann, seine Gedanken zu ordnen. Sein Herz dröhnte „Bong“ und das im Zehn- bis Fünfzehnsekundentakt. Das war für ihn ein sehr schneller Herzschlag.
Nun erfuhr Egon, wie es sich anfühlte, wenn man Herzrasen hatte. Mindestens viermal in der Minute schlug sein träges Herz, er kam mit dem Atmen kaum hinterher. Ihm wurde schwindelig. Er brauchte dringend Blut. Woher kam diese ungewohnte körperliche Reaktion? Niemals in seinem Vampirdasein hatte Egon Angst verspürt, glaubte bisher, Wesen seiner Art fürchteten sich vor nichts und niemandem. Doch darin sah er sich getäuscht. Er jedenfalls hatte gerade eben einen Riesenschrecken bekommen und nahm die Warnung des Unbekannten durchaus ernst. Nie vorher hatte er einen goldenen Vampir getroffen. Olgas Schöpfer schien unendlich stark zu sein. Weil er Menschenblut trank? Machte das so kräftig und mächtig? Möglicherweise war er einer von den Alten, die der Sage nach nicht nur Weisheit, sondern auch körperliche Kraft ansammelten. Die Jagdlust war Egon gründlich vergangen. Antriebslos lauschte er nach Wild in der Umgebung und staunte, dass die Rehe noch immer in der Nähe standen. Offensichtlich hatten sie nichts von den dramatischen Ereignissen bemerkt. Deshalb liebte er das Jagen hier. Die Tiere waren an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und ließen sich nicht leicht aufschrecken. Er pirschte sich an einen jungen Bock an. Ohne dass er die anderen Rehe beunruhigte, brach er ihm das Genick und verschwand mit seiner Beute im Unterholz. Der Vampir trank hastig vier Becher Rehblut in je einem Zug aus. Noch nie hatte er so schnell Nahrung zu sich genommen. Seine Gier verwunderte ihn. Ich veranstalte hier ein großes Fressen! Dieses Verhalten schien jedoch richtig zu sein, denn sein Herzschlag beruhigte sich. Das Atmen ging leichter, die Furcht zog sich zurück.
Nun ließ er sich Zeit und genoss die restliche Mahlzeit. Er hatte ein gesundes Tier erwischt, dessen Blut rein und würzig schmeckte, nicht sehr gehaltvoll, doch aromatisch. Nachdem er satt war, füllte er das, was übrig war, in eine leere Colaflasche. Auf der Jagd führte er immer eine Flasche mit sich. Immerhin war sie zu drei Vierteln gefüllt. Keine schlechte Ausbeute, fast ein Liter – daraus konnte er für ein paar Abende Konzentrat herstellen. Nun musste er schleunigst nach Hause. In Windeseile grub er mit einem Klappspaten, der zu seiner Jagdausrüstung gehörte, ein tiefes Loch und verbuddelte den Kadaver darin. Dann machte er sich auf den Heimweg. Er rannte so schnell, dass ihn niemand bemerkte. Aufmerksame Leute oder Hunde erahnten eventuell das Vorbeihuschen eines Schattens, mehr nicht.
Sechs Minuten brauchte er für die rund zwanzig Kilometer bis zur Wiclefstraße. Moabit war keine In-Gegend, ehemalige Arbeiterquartiere prägten das Stadtbild. Neben den sanierten und renovierten Mietskasernen aus der Gründerzeit gab es Bauten aus den Sechzigern, die inzwischen renovierungsbedürftig waren und einige neuere Wohngebäude. Rund siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand man noch immer Baulücken, die allerdings begrünt waren. Egon fühlte sich wohl in diesem Kiez – so wohl, wie man sich als einsamer Jäger in einer Wohngegend fühlen konnte. In seinem Karree lag ein Park, der sich von der Bremer bis zur Siemensstraße hinzog. Dort lebten eine Menge Ratten, Kaninchen und Eichhörnchen, die ihn zur Not sättigten. Zu Hause schaute er auf die Uhr und überlegte: Über meine Geschwindigkeit lächelt Olgas golden glänzender Entführer bestimmt nur müde. Olga, dachte er sehnsüchtig und besorgt. Wer bist du, holde Schöne? Wo bist du? Wer hat dich geschaffen und mir entrissen? Das ist Quatsch, schalt er sich, sie gehört nicht zu mir. Ich wünsche es mir nur. Er hielt in seinen Gedanken inne, gab etwas Natriumcitratlösung als Gerinnungshemmer in die Flasche, schüttelte sie kräftig und stellte sie in den Kühlschrank. Sobald sich das Plasma von den Blutkörperchen abgetrennt hätte, würde er das Konzentrat herstellen. Doch diese Prozedur brauchte eine Weile, denn das aufbereitete Blut musste lange trocknen.
Er seufzte tief und fläzte sich auf seiner abgewetzten, aber bequemen Uraltcouch. Sein Herz schlug laut. Fast glaubte er, es zu hören. Auf jeden Fall spürte er es gegen seinen Brustkorb drücken. Wie weh es ihm tat! Egon, hatte nicht geahnt, dass dies überhaupt möglich war. Der an Menschen angepasste Großstadtvampir war verliebt – auf den ersten Blick verliebt! Einerseits freute er sich darüber und wunderte sich andererseits, denn dem Vernehmen nach liebten Vampire nicht.
Er wollte die Schöne wiedersehen, mehr noch: Er musste sie und am besten auch ihre Freundinnen befreien! Das beeindruckte sie sicherlich und machte ihn interessant. Doch wo sollte er sie suchen? An einen typischen Olgaduft erinnerte er sich nicht. Deshalb würde er ihre Spur schwer verfolgen können. Einen Geruch von Campher und Salbei mit ein bisschen Seife vermischt hatte er nach dem Erscheinen des Riesen bemerkt. Der Kerl war mit einem Sprungflug verschwunden, hatte also keine Fährte hinterlassen. Wie weit er gesprungen war, ahnte Egon nicht. Selbst, wenn er den Ort einer Zwischenlandung finden würde – konnte er nur raten, wohin der Gesuchte sich danach gewendet hatte. Bist du nun ein Rechercheur oder nicht? An den Rechner, mein Freund!
Egon besaß zwar einen Tablet-PC, hatte aber keinen Internetanschluss zu Hause. Das Guthaben für die Prepaid-Flatrate war fast aufgebraucht. Um diese Zeit waren die Supermärkte geschlossen. Deshalb zog er sich den Umhang über und machte sich auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle. Er jobbte in einer Zeitungsredaktion, recherchierte für Reporter im Internet. Es war nicht ungewöhnlich, dass er nachts arbeitete. Er durfte jederzeit im Büro ins Netz. Der Nachtportier kannte ihn gut.
„’n Abend, Herr Wächta“, grüßte er freundlich, „Wieda viel zu tun?“
„Ja, wie immer, Waldemar“, antwortete Egon. Er raffte seinen Umhang. Um nicht aufzufallen, zügelte er seinen Schritt, drückte den Fahrstuhlknopf und zog sein Handy heraus, um etwas zu tun zu haben, während er wartete.
„Lift is außa Betrieb!“, rief der Portier.
Erleichtert, dass er die langatmige Fahrt vermeiden konnte, öffnete er die Tür zum Treppenhaus. Im nächsten Augenblick war er im vierten Stock, wo sein Arbeitsplatz lag. Das Büro, das er sich mit Matthias teilte, lag am Ende des Ganges. Sein Kollege und Freund schlief vermutlich zu dieser Nachtzeit.
Er warf seinen Umhang auf den Garderobenhaken neben der Tür und fuhr den Rechner hoch.



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