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Veronika Engler
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  18-03-2019 18:10 18-03-2019 18:10 64  Gelesen 64 Gelesen
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"Chillex Zone - Dunkles Verlangen" Erotic Romance von Veronika Engler.



“Verdammt! Wie konnte das bloß passieren?”

Als Emma Moore eines Morgens nach einer verboten heißen Nacht im Bett eines Fremden erwacht, könnte ihr Leben kaum noch stärker aus den Fugen geraten.
Schließlich ist sie seit Kurzem verlobt und auch sonst läuft eigentlich alles perfekt. Oder?
Wäre da nicht dieser düstere Mann, der plötzlich in ihrem Brautmodengeschäft auftaucht und ihr etwas Unglaubliches offenbart. Und natürlich der Fremde neben ihr, der sich als die heißeste Versuchung, seit es Männer gibt, herausstellt.

Dante Fox wird mit einigen Problemen konfrontiert: Sein Mentor John Moore ist tot und er dadurch gezwungen, den angesagten Londoner Club Chillex Zone und auch alle anderen zwielichtigen Geschäfte sofort zu übernehmen.
Doch damit nicht genug: Eines Tages schneit auch noch diese nervtötend penetrante Frau herein, die behauptet, Johns rechtmäßige Erbin zu sein. Leider vermag sie es als Einzige, Dantes Dunkelheit zu erhellen.

Denn wenn du die Dunkelheit in dir trägst, musst du nichts fürchten. Außer …



Leseprobe:



Prolog


Emma

„Ich finde, wir sollten heiraten.“
Ungläubig schaue ich Christopher an, der mir gegenübersitzt und sich ein großes Blatt seines Salates elegant in den Mund schiebt.
Wie macht er das nur? Ich hätte mir längst alles vollgekleckert, doch er hat nicht einmal den Hauch von Dressing dort, wo es nicht hingehört. Erde an Emma: Ich denke, wir haben andere Themen, die unsere Aufmerksamkeit verlangen, kritisiert mich mein Gewissen hemmungslos.
„Äh was?“, stammele ich wenig überzeugend hinsichtlich meiner kurzen Aufmerksamkeitspause.
Christopher isst ungehemmt weiter, nippt zwischenzeitlich an seinem Glas gekühlten Weißweines und fährt dann unbeirrt fort:
„Hör mal: Wir sind doch jetzt schon lange zusammen und ich denke, es wäre nicht schlecht, wenn wir heiraten würden.“
Nun hat er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Bitte was?
„Nicht schlecht?“, wiederhole ich völlig perplex, während er seine schwarzen, kurz geschnittenen Locken aus dem Gesicht streift und mich endlich direkt ansieht.
„Na ja. Du weißt schon. So eine Ehe hat ja auch gewisse Vorteile und ich finde, wir sollten es miteinander versuchen. Was meinst du?“ Christopher schenkt mir sein blendend weißes Lächeln und ich? Ich spule erst einmal etwas zurück, um das Gesagte für mich ins Reine zu bringen.
Also, mein Name ist Emma, sechsundzwanzig und seit etwa zwei Jahren mit Christopher, einem erfolgreichen Oberarzt für Anästhesie, liiert. Wir wohnen getrennt und sehen uns daher zumeist nur an den Wochenenden. Warum? Bisher hat es sich einfach nicht anders ergeben. Schließlich ist Chris sehr beschäftigt und ich für meinen Teil habe mir vor einiger Zeit eine eigene Existenz in Form eines Brautmodengeschäftes aufgebaut. Wovon Christopher im Übrigen nicht besonders viel hält. Mädchenkram für ihn und nicht wirklich nützlich für die Gesellschaft. Aber ich, als bekennende Romantikerin, habe mir damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Andere Paare auf ihrem Weg ins Eheglück ein kleines Stück zu begleiten, ist für mich einfach fantastisch, und jedes Mal, wenn ich meinen Kunden bei ihrem schönsten Tag im Leben behilflich sein kann, geht mir sprichwörtlich das Herz auf. Aber zurück zum Wesentlichen.
Wie dem auch sei, wir sind ein glückliches Paar und nun? Christopher sitzt mir gegenüber in diesem schicken Londoner Restaurant und fragt mich zwischen Salat und einem Schluck Weißwein, ob ich seine Frau werden möchte. Puh, das ist ja wirklich eine Überraschung!, stöhne ich innerlich aufgebracht und atme hörbar aus.
Mittlerweile durchbohrt mich sein Akademiker-Blick, und es fällt mir schwer, ihm darauf zu antworten.
Zu heiraten war immer meine Vorstellung von einer perfekten Zukunft. Eine eigene Familie gründen, der Gipfel des Glücks. Doch jetzt fühle ich mich irgendwie überrumpelt.
Eigentlich habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie mein Antrag einmal aussehen soll. Emma! Okay, doch. Habe ich. Ich habe mir sogar sehr genau überlegt, wie ich ihn mir vorstelle. Mir geht es dabei nicht um diese pompösen, ellenlang inszenierten Heiratsanträge. Ganz im Gegenteil. Ich mag es lieber schlicht, mit wenig Drumherum. Dafür mit umso mehr Gefühl. Hach … Emma!
Ähm, ja. Zurück zum Thema. Der schöne, erfolgreiche Christopher will mich, Emma Moore, zu seiner angetrauten Ehefrau nehmen? Plötzlich schlägt mein Herz schneller, und endlich begreife ich in meinem tiefsten Inneren, was hier passiert, spüre das Knistern in der Luft und ohne, dass ich noch weiter darüber nachdenke, springen mir die Worte leichtfüßig über die Lippen.
„Ja! Oh ja, Christopher. Lass uns heiraten. Ja, ich will.“ Huch, da war ich wohl in meiner Euphorie etwas zu überschwänglich, wie ich seinem überraschten Blick entnehme.
Die Sekunden verstreichen, bis er endlich die Stille zwischen uns durchbricht und erneut zum Weinglas greift, ehe ich reagieren kann. Er hebt es hoch und lässt dann feierlich verlauten: „Gut, so sei es. Auf uns.“ Christopher prostet mir zu und nimmt anschließend einen großen Schluck aus seinem Glas.
Ich mache es ihm gleich, allerdings stocke ich etwas in der Bewegung.
„Ja, auf uns!“, antworte ich überschwänglich und lasse mir dann den kompletten Inhalt meines Glases gierig die Kehle hinunterlaufen. Jetzt erst merke ich, wie ausgetrocknet mein Hals ist. Habe ich etwa die ganze Zeit vor Erstaunen den Mund offenstehen lassen?
Aber, egal. Bald werde ich eine verheiratete Frau sein und das, obwohl ich dies vor einer Stunde nicht einmal im Ansatz hätte erahnen können. Verheiratet …
Plötzlich kommt mir ein Gedanke.
„Chris?“ Unsicher stochere ich in meinem Gemüse herum.
„Hm?“, antwortet er, während er sich längst wieder seinem Abendessen zuwendet.
„Hast du denn auch schon eine Idee, wann wir heiraten sollen?“, frage ich kleinlaut, weil ich ja weiß, wie wenig er es mag, wenn man mit der Tür ins Haus fällt. Unabhängig davon, dass er das gerade mehr als heftig getan hat, überlege ich kurz, schiebe diesen spitzen Gedanken jedoch schnell beiseite.
Christopher hält inne und ich vermag es nicht auch nur im Ansatz zu erahnen, was jetzt in seinem intelligenten Kopf vor sich geht. Doch dann beugt er sich zu mir vor und streicht mir sanft mit der Hand über die Wange.
„Meine kleine Emma. Immer so voreilig.“
Ich ziehe eine Schnute, so wie ich es gerne mache, wenn ich nach Worten suche, die ausdrücken sollen, wie bescheiden ich etwas finde.
„Das heißt dann wohl nein“, merke ich an für den Fall, dass er meine aufkeimende Enttäuschung nicht bemerkt hat. Sicher, mir war ja klar, dass er noch kein fixes Datum im Kopf hat. Aber wenigstens ein vager Zeitraum, wäre schon drin gewesen, oder?
Wieder mustert er mich und für den Bruchteil einer Sekunde fühle ich mich unbehaglich in seiner Gegenwart.
Doch ich beschließe, mich von seiner bestimmenden Art nicht einschüchtern zu lassen, und recke trotzig das Kinn vor.
Er versteht augenblicklich und beinahe ebenso rasant lenkt er ein.
„Emma. Du bist vom Fach. Wie wäre es, wenn du dich um die Einzelheiten kümmerst und ich verspreche dir, dass ich da sein werde, um dir mein Jawort zu geben?“
Der Trotzkopf in mir sucht bereits nach Widerworten, denn es gehört schon ein wenig mehr dazu, als nur pünktlich in der Kirche zu erscheinen und die Braut mit einem „Ja“ zu beehren. Aber ich beherrsche mich erneut, schließlich ist Chris beruflich sehr eingespannt und kann sich nun wirklich nicht mit den vielen Dingen einer Hochzeit beschäftigen. Oder? Und außerdem hat er ja recht. Immerhin bin ich die Expertin, das versteht sich von selbst.
Daher schiebe ich auch die letzten trüben Gedanken in meinem Kopf beiseite, setze mein schönstes Lächeln auf und antworte: „Ich werde mich um alles kümmern und diesen Tag zum Schönsten unseres Lebens machen. Versprochen.“
„Das ist mein Mädchen. Zeit, dass wir nach Hause gehen.“ Christopher nickt mir freudig zu und winkt anschließend den Kellner heran.
„Die Rechnung bitte.“
Gedanklich habe ich mich längst in einen Traum aus weißem und hellrosa Chiffon zurückgezogen, Listen erstellt und angefangen, Ideen für eine standesgemäße Hochzeit zu sammeln.
Unverhofft kommt oft. Oder wie sagt man doch so schön? Und am Ende des Abends sind es diese drei kleinen Worte, die meine Zukunft erhellen und mein Herz zum Schmelzen bringen.
Ich werde heiraten …


Kapitel 1


Emma

Am Morgen stehe ich auf und fühle mich so unsagbar glücklich wie noch nie zuvor in meinem Leben. Das freudige Ereignis von gestern Abend trägt mich förmlich auf seinen Schwingen aus dem Bett, sodass ich viel eher auf den Beinen bin, als gewöhnlich. Da Christopher heute sehr früh ins Krankenhaus zum Dienst musste, haben wir uns dazu entschieden, die Nacht getrennt zu verbringen. Er behauptet immer, dass ihm mein Gequatsche und Gezappel, während ich schlafe, jegliche Erholung rauben würde, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Pfff …
Den Laden sperre ich für gewöhnlich erst gegen zehn Uhr auf, da sich zuvor ohnehin niemand dorthin verirren würde. Also habe ich genug Zeit, es mir noch in Ruhe bei einem Magazin und einer großen Tasse Kaffee auf der Couch gemütlich zu machen.
Doch meine Euphorie hinsichtlich der Hochzeitsvorbereitungen jagt mir Hummeln durch die Glieder und macht mir einen dicken Strich durch die Rechnung. Denn ich halte es keine Sekunde länger aus, einfach nur untätig herumzuliegen. Daher springe ich – ähnlich fröhlich wie ein Elf auf Drogen – beschwingt ins Badezimmer und unter die Dusche.
Anschließend putze ich mir die Zähne und bändige meine lange, honigblonde Mähne nach dem Föhnen zu einer verspielten Frisur, indem ich einige kleine Zöpfe geschickt in die offenen Haare hineinarbeite und mir damit die nervigen Strähnen aus dem Gesicht halte.
England erfährt dieses Jahr einen angenehm warmen Sommer. Deshalb habe ich mich heute für einen leichten, hellblauen Rock entschieden, der mir knapp bis über die Knie reicht. Nicht zu bieder, aber dennoch angemessen, denke ich, und knöpfe noch die weiße, kurzärmelige Bluse zu, während ich in gleichfarbige Ballerinas schlüpfe. Perfekt für einen Tag wie diesen.
Der erste Tag in meinem Leben als Verlobte … Ich kann es noch immer nicht fassen. Es kommt mir vor, wie ein Traum, wenn ich Christophers Worte in meinem Kopf in Endlosschleife durchspiele. Zugegeben, der Abend hätte einen Tick mehr Romantik vertragen. Aber ist es nicht das Ergebnis, das zählt? Eben. Chris und ich werden heiraten und ich darf endlich mein ganz persönliches Happy End planen.
Um ehrlich zu sein, habe ich die letzten Jahre im Laden genau davon geträumt. Obwohl ich all den glücklichen Pärchen ihren schönsten Tag im Leben von Herzen gönne, aber als Letzte übrigbleiben, will ich auch nicht. Du bist erst sechsundzwanzig, Emma. Kein Grund zur Panik!, ziehe ich mich innerlich nebenbei auf. Aber mein naturgegebener Sarkasmus kann die momentane Hochstimmung nicht trüben. Daher höre ich gar nicht erst hin und mache mich verfrüht auf den Weg von meinem kleinen Häuschen in die Innenstadt.
Da ich kein Großstadtmensch bin, ist es nur verständlich, dass ich heute noch in demselben Ort lebe, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Canterbury ist ein etwa fünfundfünfzigtausend Seelen Städtchen und damit weit davon entfernt, sich mit London zu messen. Auch meine Mutter Maria ist hier geboren, und lebt nur wenige Straßen von mir entfernt.
Ich liebe mein kleines, vielleicht etwas windschiefes Häuschen. Zwar bieten die beiden Zimmer nur wenig Platz, jedoch genug Raum für entzückende Gemütlichkeit. Wie in einem schrulligen und dennoch reizenden Puppenhaus.
Den Garten überlasse ich mehr oder weniger sich selbst und schneide die Büsche und das Gras nur, wenn der Dschungel dort die Weltherrschaft übernehmen möchte. Abends sitze ich gerne auf meiner kleinen Terrasse hinter dem Haus bei einer heißen Schokolade und höre den Grillen bei ihrem Gesang zu. Manchmal rümpfen die Nachbarn die Nase ob meines fehlenden grünen Daumens, aber das ist mir egal. Eben ein kleines, nicht perfektes Paradies für eine Chaotin wie mich … Wobei ich schon den Eindruck habe, dass es Chris oft lieber ist, wenn wir uns bei ihm in seinem schicken Loft in London treffen, als hier bei mir in meiner heimeligen Idylle.
Mein flaschengrüner Mini – nicht einer von diesen neuen Wagen, sondern den richtigen Ur-Mini, ähnlich wie Mr. Bean ihn fuhr – bringt mich schnell in die noch wenig belebte Innenstadt von Canterbury. Ich genieße die morgendliche Atmosphäre hier, wenn die Stadt allmählich zum Leben erwacht und zu dem bunt zusammengewürfelten Ort wird, den ich mein Zuhause nenne.
Ich parke den Mini in einer Seitengasse und spaziere anschließend hinüber zur sonst gut belebten Ladenstraße.
Die Snackbar nebenan hat schon geöffnet und wie immer rufe ich dem betagten Inhaber einen morgendlichen Gruß zu.
„Hi, Carl.“ Und ebenso wie immer ernte ich dafür nur ein unverständliches, mürrisches Gemurmel. Aber das gehört zu meinen täglichen Ritualen und ich habe mich längst damit abgefunden, dass er Freundlichkeit stets mit einem Wink abtut. Ach, Carl …
Am liebsten würde ich jedem, dem ich begegne sofort davon erzählen, dass ich von nun an offiziell vom Markt verschwunden bin. Ob man es mir ansieht, dass ich zum Status der „Verlobten“ aufgestiegen bin? Jetzt bist du wohl völlig übergeschnappt, warne ich mich insgeheim und betrete dann grinsend, wie ein Honigkuchenpferd, meinen wundervollen Laden.
Zugegeben, er wirft nicht wirklich viel ab. Aber Geld ist ja schließlich nicht das Wichtigste. Vor allem, wenn ich in die strahlenden Augen jener Frau blicken darf, die mit ihren Freundinnen meinen Laden betritt und mit ihrer Freude die ganze Welt mit sich reißen könnte. Ja, das sind die schönen Momente hier im Brides Wonderland. Nur an die monatlichen Abrechnungen sollte ich besser nicht denken.
Heute betrete ich meinen Laden zum ersten Mal nicht nur als Inhaberin. Nein, heute sehe ich die vielen schönen, ausgestellten Kleider und Accessoires mit ganz anderen Augen. Diesmal darf ich die Braut sein, die sich das perfekte Outfit für den einmaligen Anlass aussucht, immer wieder neue Stoffe und Schnitte testet und schließlich die passenden Schuhe, Schleier sowie Dessous und Schmuck dazu auswählt. Ehrfürchtig streife ich durch die Reihen an individuell geschneiderten Kleidern, die ich größtenteils selbst entworfen habe, und weißen Regalen mit allerlei Brimborium. Meine Finger gleiten sanft über Stolas aus flauschigem Kunstpelz und ich freue mich insgeheim darüber, was für einen schönen, fast märchenhaft romantischen Ort ich hier geschaffen habe. Beinahe, wie bei der Schneekönigin zu Hause, überlege ich auf äußerst kitschige Art und Weise.
Bevor ich den Laden offiziell aufschließe, muss ich die frohe Neuigkeit endlich mit jemandem teilen, ehe ich doch noch hinaus auf die Straße laufe, und es aus mir herausschreie.
Daher schnappe ich mir mein Handy und wähle Georges Nummer. Er ist mein bester Freund und Lebensretter in so mancher dramatischen Liebeskummersituation. Kurz hadere ich mit mir, ob ich es nicht als Erstes meiner Mutter erzählen soll, doch dann beschließe ich, es ihr lieber persönlich zu sagen.
Es klingelt mindestens zwanzig Mal, bis er endlich abhebt.
„Ja?“, höre ich eine schwer verständliche Männerstimme murmeln.
„George? Jetzt sag bloß nicht, dass ich dich geweckt habe. Die halbe Welt ist schon auf den Beinen und du klingst, als lägst du gerade am Straßenrand, wie ein überfahrenes Wiesel.“ Schweigen.
Ich warte, kann mich jedoch nur schwer zurückhalten. Gedanklich zähle ich bis drei, da ich mir fest vorgenommen habe, ihn nicht sofort mit der freudigen Nachricht zu überrumpeln. So neugierig wie George sonst ist, möchte ich ihn doch zu gerne ein wenig zappeln lassen, beschließe ich mit einem verschmitzten Lächeln. Also warte ich weiter und endlich ertönt das nächste, halbwegs überzeugende Lebenszeichen von meinem besten Freund.
„Hey, Babe. Was gibt’s?“
Die Show kann beginnen.
„Ach, nichts Wichtiges. Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Du bist hoffentlich allein, oder?“ Plötzlich kommt mir der Gedanke, ich könnte da in etwas Intimes hineingeplatzt sein. Zumal ich ja weiß, wie locker leicht George es mit seinem manchmal unkonventionellen Liebesleben hält. Ich höre Geraschel und mit einem Mal habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Emma? Was ist los?“
Wie macht er das nur? Hat er so etwas wie einen siebten Emma-Sinn, oder was?
„Wie kommst du darauf, dass irgendetwas los sein könnte?“ Ich gebe mich betont unschuldig und genieße es, in Sachen Informationsfluss die Oberhand zu behalten. Denn das ist bei George eine wahre Seltenheit.
„Du machst mir nichts vor. Ein Anruf von dir um diese Zeit ist ohnehin schon merkwürdig genug. Aber dein aufgesetzter, gleichgültig entspannter Tonfall entlarvt dich endgültig, Babe. Also, spuck´s aus!“
Mann, der gönnt mir aber auch nicht den kleinsten Spaß, grummele ich vor mich hin und beschließe letztlich, den guten George nicht noch mehr leiden zu lassen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, hüpfe von einem Bein auf das andere und platze dann mit der Neuigkeit förmlich heraus: „Christopher hat mir einen Antrag gemacht.“ Aus meinem Mund vernehme ich dabei ein ungewohnt helles Quietschen. George hat seinen Spitznamen für mich wohl doch nicht ganz zu Unrecht gewählt, überlege ich kurz, während ich warte, dass er sich endlich zu dieser Bombe äußert. Doch nichts geschieht.
„George? Hallo? Bist du noch dran?“ Totenstille. Bis ich endlich ein langgezogenes, tiefes „Jaaaaa“ am anderen Ende vernehme. Oh, oh. Er ist ganz und gar nicht begeistert. Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.
„Falls es noch nicht bis in dein Großhirn durchgedrungen ist, das ist eine freudige Nachricht!“, blaffe ich ein wenig enttäuscht über seine fade Reaktion. George räuspert sich ungeniert und versucht es dann noch einmal.
„Ja, Babe. Das ist es. Du hast mich wohl zu früh auf dem falschen Fuß erwischt. Bitte entschuldige. Aber nun lass mal hören. War es ein romantischer Antrag? Was hat sich unser Super-Genie Dr. Jones denn ausgedacht? Kannst du deine linke Hand überhaupt noch ohne Hilfe heben oder verhindert der gigantische Klunker, den Dr. Jones dir geschenkt hat, dass du dich in Zukunft noch allein frei bewegen kannst?“
Jetzt ist es an mir, still zu sein. Was soll ich ihm denn darauf antworten? Die Wahrheit, Emma. Bleib bei der Wahrheit, fordert mein Gewissen vehement. Na gut. Warum diesen Tag durch eine gigantische Lüge versauen, denke ich und entgegne schließlich betont beiläufig:
„Ach, weißt du, Chris und ich stehen nicht so auf die große Nummer. Es geht uns um die Sache an sich und nicht um Materialismus“, versuche ich mich zu erklären.
„Was zum Henker soll das denn bedeuten? Wir stehen nicht so auf materielle Dinge?“, fragt er ungläubig.
„Na, dass so etwas Banales wie ein Ring eben gestern nicht im Mittelpunkt stand.“
„Der Ring ist also kleiner, als du erwartet hast?“, setzt er schonungslos voraus.
„George! Ich habe überhaupt nichts erwartet. Oder hast du etwa damit gerechnet, dass ich bald für immer unter der Haube sein werde?“
„Nein“, gibt er offen zu.
„Vielen Dank auch!“, entgegne ich in gespielt beleidigtem Tonfall.
George seufzt.
„Ach, Babe. Du bist heute Morgen aber auch empfindlich, und ich bin noch nicht wach genug, um entsprechend zu reagieren. Also, noch mal zurück zum Thema. Schick mir doch gleich mal ein Foto per Handy, ja? Ganz sicher ist der Ring absolut zauberhaft.“
Nur George bringt es fertig bei dem Wörtchen „zauberhaft“ nicht weniger männlich zu wirken, als er ist. Wahrscheinlich wäre metrosexuell offen orientierte Person die treffendere Bezeichnung für ihn. Denn, wenn George Gefallen an jemandem findet, dann spielt es für ihn keine Rolle mehr, ob männlich oder weiblich. „Sexuelle Anziehungskraft lässt sich nicht am Geschlecht festmachen“, pflegt er stets zu sagen, wenn ihn jemand auf seine Vorlieben anspricht.
„Ähm, das geht nicht.“
„Weil?“
„Herrgott! Weil es eben nicht geht. Ist das so schwer zu verstehen?“
„Weil du ihn nicht am Finger trägst?“
„Das auch.“
„Oh nein. Du wirst ihn doch nicht schon verloren haben? Sollte das nämlich der Fall sein, dann schlage ich vor, dass wir schleunigst eine originalgetreue Kopie anfertigen lassen. Es kommt gar nicht gut, wenn man den Verlobungsring verliert. Ich habe da einen Bekannten …“
Plötzlich kann ich nicht mehr an mich halten und falle ihm beinahe kreischend ins Wort:
„Ich habe keinen!“ So, jetzt ist es raus.
„Wie bitte?“
Noch einmal atme ich tief durch in der Hoffnung, mein aufgebrachtes Inneres dadurch ein wenig zu bändigen.
„Er hat mir keinen Ring geschenkt, okay? Es gab auch keinen Kuss und eigentlich auch keinen richtigen Antrag. Und auch keinen heißen Sex danach, wenn wir schon dabei sind! Ich habe eigentlich nichts weiter zu erzählen und auch nichts vorzuweisen. Wir haben mehr oder weniger einfach beschlossen zu heiraten. Punkt, aus!“ Meine Hände zittern, als ich mir die bittere Wahrheit durch meine eigenen Worte ungeschönt vor Augen führe.
„Oh …“ Mehr bringt mein Freund nicht zustande.
Ich seufze.
„Du sagst es.“
Georges Stimme ist nun ganz sanft, als er entgegnet: „Babe. Es tut mir wirklich leid. Ich hatte ja keine Ahnung. Wie geht es dir jetzt damit?“ Enttäuschung und Wut vermengen sich zu einer gefährlichen Mixtur in meinem Inneren, und ich habe große Mühe, die aufkeimenden Tränen zurückzuhalten. Wie konnte dieser herrlich beschwingte Morgen nur von einer Sekunde auf die andere zu einem absoluten Desaster umschwenken? Eilig wische ich mir die Tränen fort, die still und leise über meine Wangen laufen, was ich jetzt am Allerwenigsten gebrauchen kann.
„Weißt du was George? Bis vor einigen Minuten ging es mir damit sogar ausgesprochen gut. Ich war zufrieden. Aber nun komme ich mir vor, wie eine bemitleidenswerte Idiotin.“ Auch dank dir, hätte ich gerne noch hinzugefügt, verkneife mir aber diesen zickigen Kommentar im letzten Moment. Ich bin sauer, und das meiner Meinung nach auch zu Recht. Tierisch sauer! Aber immerhin besser als diese dämliche Heulerei.
„Es ging dir nicht gut!“
Bitte was? Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit.
„Hör mal: Die Tatsache, dass du derart überzogen reagierst, zeigt doch deutlich deine Unzufriedenheit zum gestrigen Verlauf des Abends.“
Das hat gesessen. Aber ein kleiner Funke Vernunft in mir zwingt mich dazu, wenigstens kurz über Georges Worte nachzudenken. Okay. Jetzt noch mal ohne die ganze Entrüstung und den Frust, nehme ich mir insgeheim vor, und so komme ich zu folgendem Schluss: „Vielleicht hast du recht. Aber nur ein ganz klein wenig“, stammele ich verlegen.
„Na also. Emma, es muss dir nicht peinlich sein, ehrlich nicht. Aber du solltest dazu stehen. Egal, wie es gelaufen ist. Wenn du mit seinem Antrag zufrieden bist, dann ist das völlig in Ordnung. Auch wenn ich mir etwas Aufwendigeres für dich gewünscht hätte. Aber falls nicht, dann solltest du das ansprechen. Es wäre schade, wenn du deinen schönsten Tag nur auf romantischer Sparflamme erleben würdest, obwohl du dir in Wahrheit etwas anderes wünschst.“
Leider hat er damit nicht ganz unrecht und ich staune immer wieder, wie schnell mein lieber, guter George doch in mein Innerstes blicken kann. Selbst durch das Telefon.
„Mach Folgendes: Am besten überlegst du dir, welches Gefühl für dich überwiegt. Die Vorfreude oder Enttäuschung. So einen dämlichen Ring kann man jederzeit auch noch nachträglich besorgen. Und dadurch kannst du ihn dir sogar selbst mit aussuchen. Hat ja auch gewisse Vorteile.“
Okay.
„Viel Stoff zum Nachdenken“, gebe ich zu.
„Oh ja. Das ist es Ms. Moore. Aber du hast doch nicht wirklich gedacht, dass eine Beziehung mit Mr. Genie dich geistig nicht ab und zu fordern würde?“
„Blödmann“, necke ich ihn spielerisch und merke, wie meine Laune allmählich wieder aus den grüblerischen Untiefen auftaucht.
„Stets zu Diensten, Miss“, witzelt er und nun lachen wir beide.
„Hab dich lieb, Georgie“, sage ich und weiß genau, wie sehr er es hasst, wenn ich ihn beim Kosenamen, den ihm seine Mutter gegeben hat, nenne.
„Och, du … sei froh, dass ich dich nun nicht in die Finger bekomme“, droht er mir, ehe ich mich verabschiede.
„Wir hören uns. Ich muss nun aufsperren.“
„Alles klar. Bis bald. Und nicht zu viel grübeln, ja?“
„Ja, Papa“, necke ich ihn mit seiner oftmals altklugen Weise und lege auf.

Die Achterbahn der Gefühle, die ich in den letzten vierundzwanzig Stunden durchgemacht habe, hat sicher ihre Spuren hinterlassen. Aber ich kann es mir wirklich nicht leisten, hier wie die verheulte, frustrierte Tante im Laden zu stehen und dann noch hoffen, so auch nur eines der wunderbaren Brautkleider an die Frau zu bringen.
Also gehe ich nach hinten ins Bad und versuche zu retten, was zu retten ist. Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel ich offensichtlich geweint habe, denn dicke, schwarze Balken unter den Augen zieren mein blasses Gesicht. Na toll. So könntest du höchstens zu einem Rugby-Spiel gehen, denke ich genervt. Zum Glück habe ich immer etwas Notfall-Make-up in meiner Handtasche. Und mit ein wenig getönter Gesichtscreme, Kajal, Mascara und Lipgloss, sehe ich schon bald wieder lebendiger aus.
Es ist mir völlig schleierhaft, was gerade mit mir passiert und ich ärgere mich insgeheim darüber, dass ich so ein Drama um die Verlobung mache. Jetzt habe ich mir alles irgendwie selbst versaut und werde es wohl immer mit einem etwas faden oder negativen Beigeschmack in Erinnerung behalten. Toll gemacht, ehrlich Emma, schimpfe ich mich in Gedanken und nehme mir fest vor, noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Ich werde heiraten und es wird einfach bezaubernd. So! Schluss mit der Heulerei!
Auf dem Rückweg zum Verkaufsraum werfe ich im Vorbeigehen die Kaffeemaschine an, denn die wohlige Wärme dieses Getränkes wird mir jetzt sicher guttun. Wenige Augenblicke später ist sie einsatzbereit und kredenzt mir eine herrlich duftende Tasse frischgebrühten Glücklichmacher.
Behutsam schlinge ich meine Finger um sie, und es versetzt mir einen kleinen Stich, dass dort, außer dem Schmuck, den ich immer trage, eine Lücke am Ringfinger klafft. Das mit den Vorsätzen muss ich wohl noch üben, überlege ich und versuche einen Neustart dieses plötzlich miserablen Tages.
Der Kaffee schmeckt köstlich und ich kann mich eines kleinen Lächelns darüber nicht erwehren, als ich, völlig gedankenverloren, zurück in den Verkaufsraum komme. Mein Gesicht habe ich noch immer in der großen Tasse vergraben und bemerke erst jetzt, als ich meinen Kopf hebe, dass ich nicht mehr allein bin.
Ein großer, gänzlich schwarz gekleideter Mann steht vor mir. Er hat einen Aktenkoffer bei sich und starrt mich mit seinen kalten Augen ausdruckslos an.
Sofort fahre ich vor Schreck zusammen, und ein kleiner Schrei entfährt meiner Kehle, gefolgt von der Unfähigkeit, die Tasse länger festzuhalten, woraufhin sie zu Boden fällt, zerbricht und einen gigantisch großen, hässlich braunen Fleck auf meinem hellen Teppich hinterlässt. Shit!
Der Mann verzieht keine Miene. In diesem Moment glaube ich fast, dass ich mir das alles nur einbilde. Ist es etwa der Tod, der mich holen kommt? Quatsch, Emma. Wo sind denn deine Manieren? Jetzt reiß dich am Riemen und nun zurück zur Professionalität. Marsch!
„Ähm, guten Morgen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Sehr gut. Immer freundlich bleiben. Den Fleck am Boden ignorierend, zwinge ich mich weiter die Aufmerksamkeit auf den düsteren Mann zu richten.
Endlich ein Lebenszeichen, wenn auch kaum merklich, denn es wirkt so, als würde er gleich etwas sagen wollen Himmel, der Kerl muss ja mindestens schon Hundert sein. Wobei er körperlich eigentlich noch ganz fit wirkt, aber so hager wie er ist, ist das schwer einzuschätzen.
„Miss Emma Moore?“ Seine kratzende, etwas zu hohe Stimme fährt mir durch Mark und Bein. Und er ist doch der Tod, gibt mein Unterbewusstsein zum Besten, das ich dezent ignoriere.
„Ja?“, flüstere ich kaum hörbar, weil ich das Gefühl habe, es war ohnehin nur eine rhetorische Frage.
„Aberdin Franklin. Notar.“
Ist das nun besser oder schlechter als meine Vermutung, er könnte der Tod höchstpersönlich sein?
„Oh! Habe ich etwas verbrochen? Ich meine, gibt es ein Problem?“, rutscht es mir unüberlegt heraus. Doch der Mann beehrt mich nicht mit einer Antwort.
Stattdessen geht er zur Kassentheke, legt seinen Aktenkoffer darauf und öffnet ihn mittels eines Zahlenschlosses.
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Dabei habe ich ganz bestimmt nichts ausgefressen. Insgeheim warte ich immer noch darauf, dass sich das Ganze als ein mieser Scherz von George oder Chris entpuppt und sich der Typ als sexy Stripper outet. Wobei diese Wandlung doch wirklich sehr unwahrscheinlich ist.
Nach schier endlosen Augenblicken, in denen der Mann mit seinen knorrigen Fingern in den Unterlagen wühlt, fördert er endlich etwas daraus hervor. Einen Brief, soweit ich das beurteilen kann.
Viel zu langsam und irgendwie stocksteif kommt er auf mich zu, woraufhin ich große Mühe habe, nicht instinktiv zurückzuweichen. Er hält mir das quadratische Kuvert aus edlem Papier entgegen.
Einige Augenblicke verharren unser beider Hände darauf, bis ich den Brief, oder was auch immer es ist, an mich nehme.
„Was ist das?“, versuche ich erneut, wenigstens etwas aus dem verschwiegenen Mann herauszubekommen. Doch dieser weicht meiner Frage wieder aus. Stattdessen hält er mir einen weiteren Zettel sowie einen Stift hin.
„Gut, dann bräuchte ich hier noch eine Unterschrift.“
Heißt es nicht immer, bloß nichts unterschreiben, was man nicht gelesen hat? Sehr gut, Emma. Nur wachsam und vorsichtig bleiben. Die ganze Sache ist ohnehin schon merkwürdig genug, lobe ich mich insgeheim für meine Geistesgegenwart und nehme auch diese Dinge entgegen.
„Wofür?“, blaffe ich ihn etwas ruppiger an, als beabsichtigt. Aber seine undurchsichtige, gar unheimliche Art geht mir allmählich auf die Nerven.
„Das ist eine Empfangsbestätigung. Sie unterschreiben hiermit, dass ich Ihnen den Brief ausgehändigt habe. Damit ist mein Auftrag ausgeführt.“
Jetzt weiß ich mehr und eigentlich doch nichts. Zumal er, aufgrund meines Unverständnisses, sehr ungehalten wirkt. Als würde längst alles sonnenklar auf der Hand liegen. Dämlicher, dämonischer Miesepeter …
Fordernd und mehr als ungeduldig wartet er darauf, dass ich endlich reagiere. Gut! Dann unterschreibe ich halt. Wird schon keine Bombe drin sein, ärgere ich mich und mache, wie mir geheißen. Aber diesen gewissen fiesen Seitenblick von mir muss er sich nun eben auch gefallen lassen. Arroganter Notar!
Eilig presse ich das Dokument an die nächstgelegene Wand und kritzele meinen Namen darauf. Dann halte ich es ihm demonstrativ vor die Nase.
„Hier! Sonst noch einen Wunsch?“ Okay. Jetzt bin ich endgültig sauer.
„Nein, das war´s. Einen schönen Tag noch, Miss Moore.“
Ungläubig starre ich ihm nach, wie er an mir vorbei nach draußen geht. Dort steigt er in ein Taxi und ist so schnell aus meinem Sichtfeld verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Was zum Himmel war das?
Eines steht definitiv fest: Noch merkwürdiger und verstörender kann dieser Tag wirklich nicht mehr werden, denke ich, streiche mit den Fingern über das glatte, seidige Papier des leicht glänzenden Umschlages und reiße ihn auf.
Darin befindet sich ein einzelner Bogen Papier, ebenfalls sehr edel, den ich wie in Trance auffalte. Vermutlich sollte ich erst einmal jemanden zurate ziehen, denn die ganze Situation erscheint mir mehr als heikel. Doch ich kann mich nicht beherrschen. In diesem Augenblick gibt es nichts, was mir dringlicher vorkommt, als diese Nachricht.
Mit zitternder Stimme beginne ich die Worte in feinsäuberlicher Handschrift aus Tinte leise vorzulesen:


Meine Emma,

heute ist es so weit. Heute ist der Tag, an dem du endlich von mir erfährst. Viele Jahre habe ich darauf gewartet, an dich herantreten zu können. Denn ich musste deiner Mutter schon vor deiner Geburt das Versprechen geben, dass ich dir zu meinen Lebzeiten nichts von mir erzählen werde.
Doch jetzt ist alles nichtig und ich habe mein Versprechen erfüllt. Du ahnst vielleicht, was das bedeutet: Ja, liebe Emma. Ich weile nicht mehr unter den Lebenden. Aber das heißt auch, dass ich mir endlich diesen letzten, sehnsüchtigen Wunsch erfüllen und dich kontaktieren darf.
Vielleicht hältst du mich nun für selbstsüchtig. Und ja, vermutlich hast du recht damit. Aber, wenn ich dieses Geheimnis schon mit ins Grab nehmen musste, so wenigstens nicht darüber hinaus.
Ich weiß nicht, welche Geschichten du über deine Herkunft gehört hast. Doch ich wünsche mir nichts mehr, als dass du weißt, wie sehr du mir all die Jahre gefehlt hast.
Einmal, ich denke, du warst etwa zwei, hatte ich die Gelegenheit, dich in meinen Armen zu halten. Einmal – für den Rest meines Lebens. Aber dein fröhliches Kinderlachen trug mich für viele Jahre über zahlreiche Hürden hinweg und ich werde es für immer im Herzen tragen. Denn nichts lebt ewig – außer die Liebe …
Die Hauptsache war, dass es dir gut ging, und ich war stets überzeugt davon, dass deine Mutter mit allen Mitteln dafür gesorgt hat. Sie ist eine gute, liebevolle Frau und ich verstehe es, warum sie es damals für besser gehalten hat, dass du nichts von mir erfährst. Ich habe sie immer geliebt und hoffe, sie weiß das. Auch wenn wir nie füreinander geschaffen waren.
Meine Welt, wie auch immer ich sie bezeichnen soll, war schließlich kein Ort für ein kleines Kind und glaube mir, deine Mutter wollte allezeit nur das Beste für dich. Also sei nicht wütend auf uns. Es war die richtige Entscheidung.
Nun bist du längst erwachsen und daher auch alt genug, die Wahrheit zu erfahren, wenn du das willst. Ich zwinge dich zu nichts, dennoch möchte ich dir einen Rat mit auf den Weg geben: Vor der Vergangenheit kann man nicht davonlaufen, wenn man eine Zukunft haben will. Bitte bedenke dies bei all deinen Entscheidungen.
Nun gut. Dann komme ich noch kurz zum Wesentlichen:
Ich vermache dir all meinen Besitz - meinen ganzen Stolz. Ein Etablissement in London, das ich über Jahre aufgebaut habe. Die genaue Adresse findest du im Anhang.
Meinen Notar kennst du bereits. Er wird dir in den kommenden Tagen die Grundbuchauszüge und Eigentümerdokumente sowie alles Weitere per Post zukommen lassen.

Ansonsten wünsche ich dir alles nur erdenklich Gute für deine Zukunft. Bitte verzeih mir …

Dein Vater,

John Moore



Stille Tränen rinnen mir über mein Gesicht. So viele Jahre der Ungewissheit, in denen ich kein Lebenszeichen meines Vaters erhalten habe. Und nun das? Wie um alles in der Welt soll ich denn damit umgehen? Ich verspüre tiefe Trauer über all die ungesagten Worte, all die verpassten Treffen und Möglichkeiten, die mir geraubt wurden. Auch wenn dieser Mann immer wieder beteuert, dass es das Beste für mich war, so empfinde ich jedoch stechende, drängende und alles verzehrende Wut. Wut auf ihn, auf mich, weil ich nicht hartnäckig genug danach geforscht habe und natürlich Wut auf meine Mutter, die mir all die Dinge mein Leben lang vorenthalten hat.
„Das waren wilde Jahre damals. Ich weiß leider nicht, wer dein Vater ist. Aber wir brauchen keinen Mann in unserem Leben. Das schaffen wir zwei auch gut allein, meinst du nicht?“
Das waren stets ihre knappen Worte, wann immer in mir die Sehnsucht nach einer vollständigen Familie aufkeimte. Aber wo hätte ich suchen sollen?
Schließlich habe ich meiner Mutter geglaubt. Ich, das Resultat eines unüberlegten One-Night-Stands in ihrer Sturm und Drang-Zeit?
Plötzlich erscheint mir das alles mehr als albern. Ich kenne keinen Menschen, der überlegter, vorausschauender und durchgeplanter agiert, als Maria Moore.
Da kommt mir ein Gedanke: Ich lese das Ende des Briefes erneut und schlucke den dicken Kloß des Entsetzens angestrengt hinunter.
„John Moore“, wiederhole ich den Namen des Mannes, der sich rühmt, mein lang verschollener Vater zu sein. Mein Gott! Dieser Mann und meine Mutter sind, ich meine, waren verheiratet?
Ich habe immer geglaubt, Moore wäre der Mädchenname meiner Mutter. Da sie selbst adoptiert wurde und ihre Eltern längst verstorben sind, habe ich mich irgendwie nie so recht für unsere Ahnentafel interessiert. Schließlich war diese ja in alle Richtungen gekappt. Daher kam es mir immer so vor, als würden meine Mutter und ich ganz unten davon stehen, geradezu einen neuen Stammbaum beginnen.
Du bist eine Idiotin, Emma. Eine gutgläubige, naive Idiotin, schimpfe ich mit mir selbst, was meine Verzweiflung nur noch mehr zum Ausdruck bringt. Ich fühle mich, als würde mir dieses eine Stückchen Papier sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Jetzt reiß dich zusammen Emma. Es ist ja nicht so, als hättest du etwas verloren. Denn du hattest vorher nie einen Vater und auch jetzt nicht.
Dennoch kommt es mir so vor, als hätte man mich belogen und um meine Kindheit betrogen. Viele Jahre habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als eine intakte Familie mit Mutter und Vater. Stattdessen bin ich einer gewaltigen Intrige zum Opfer gefallen.
Plötzlich weiß ich nicht mehr, wem ich noch glauben soll. Wie viele ungesagte Dinge schweben im Raum, von denen ich niemals erfahren werde? Womöglich habe ich sogar jede Menge Halbgeschwister? Und was für ein Kerl war dieser John Moore überhaupt?
Meine Welt, wie auch immer ich sie bezeichnen soll, war schließlich kein Ort für ein kleines Kind …
Seine Worte klingen für mich sehr dubios, wenn nicht sogar zwielichtig.
Mit einem Mal hält mich nichts länger im Laden. Ich muss einfach wissen, was damals passiert ist, muss Klarheit schaffen über all das. Denn sechsundzwanzig Jahre lang hüteten meine Eltern dieses gigantische Geheimnis. Aber nun ist Schluss! Es muss Schluss sein!
Ich schnappe mir den Brief, werfe noch einen Blick auf den Kaffeefleck, den ich wohl ohnehin nicht mehr gänzlich beseitigen kann und beschließe, dass es Dinge gibt, die keinen Aufschub dulden. Meine Vergangenheit und möglicherweise auch meine Zukunft …
Eilig verlasse ich den Laden, schließe ab und sehe Carl im Vorbeilaufen, wie er mir verständnislos nachblickt. In Windeseile erreiche ich meinen Mini und brause auch schon im nächsten Augenblick Richtung Pub, in dem meine Mutter arbeitet.
Eines steht für mich nun endgültig fest, auch wenn ich mir das nach dem Telefonat mit George schon gedacht habe: Merkwürdiger und verwirrender kann der Tag wirklich nicht mehr werden.