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Judith Anton
Geschrieben von  Admin Admin Geschrieben,  01-07-2019 17:45 01-07-2019 17:45 222  Gelesen 222 Gelesen
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"Brennende Federn" Ein Psychotriller von Judith Anton.



„Ronald, glaubst du, dass ich verrückt bin?“, fragt Jakob.
Ronald lacht leise: „Ich glaube, dass du ein guter Kerl bist. Das zählt, oder nicht?“


Als Workaholic Jakob eine Beziehung mit der kreativen Helena eingeht, gerät sein Leben aus den Fugen. Nach einem Selbstmordversuch in der geschlossenen Psychiatrie gelandet, muss er feststellen, dass seine Vergangenheit dunkle Geheimnisse birgt. Während Wahn und Realität verwischen, enthüllt sich ein perfides Spiel, das alles, woran Jakob bisher glaubte, in Frage stellt.



Leseprobe:



(…) Jakob greift sich an den Kopf. Die Bilder wollen nicht weichen. Salzige Luft, Tang und moderndes Laub. Und dann sieht er sie. Eine riesige Welle ergießt sich aus der Eingangstür, braust um die Ecke des Gebäudes und hält auf ihn zu. Sie reißt den Patienten mit dem Kehrbesen von den Füßen, der lautlos in den Fluten verschwindet und verwandelt die Häufchen, die seine Begleiter gewesen sind, in Gischt.
Ich sehe was, was ihr nicht seht!
Die Tischtennisplatte ist zu einem Floß mutiert, das auf der Oberfläche tanzt.
„Sofia!“, schreit er gegen die Wassermassen an, die sein Gefährt hin- und herwerfen. „Wo bist du?“ Er taucht seine Hände in die eiskalte Strömung. Alles ist darunter begraben worden. Kein lockiger Haarschopf, kein blasses Gesicht tanzt zwischen den Strudeln. Allein. Bald allein im Dunkeln. ER hat den Strom abgedreht.
Die Strömung reißt ihn davon. Jakob klammert sich an den Seiten des Floßes fest.
„Sofia!“ … ia… ia… ia!
Das Floß zerschellt am wohlbekannten Ufer. Durch die Luft geschleudert, landet er schmerzhaft auf Sand und Steinen. Als das Flimmern vor den Augen nachlässt, entdeckt er die kleine Gestalt ein paar Meter entfernt am Boden liegen, die Arme um die Knie geschlungen. Sofia. Er robbt auf sie zu, erleichtert, dass sich ihr Brustkorb hebt und senkt.
„Jakob, ich habe dich gerufen!“
„Warum sind wir wieder hier?“
„Es ist meine Schuld“, schluchzt Sofia. „Er war da, er ist wieder zu mir gekommen. Ich bin losgelaufen, ich habe nach dir gerufen! Und dann war das Wasser wieder da, es war auf einmal überall, es hat mich mitgerissen!“
„Wer?“
„Du weißt es!“
„Nein, ich …“
„Pscht“, sagt sie.
Sie blicken sich wachsam um. Die verstreuten Felsen tragen die gelbliche Farbe von verwittertem Granit. Der Sand unter ihren Körpern ist grobkörnig und feucht.
Seite an Seite stolpern sie dem Wald entgegen. Im Sand bleibt eine einzige Spur gequält grinsender Gesichter zurück.
Sie erklimmen ein Plateau, das über dem See aufragt. Die Aussicht ist atemberaubend. Ein Film aus würziger Luft, Kiefernduft und Erde, liegt auf ihren Lippen. Der Boden ist von Moosen überzogen. Dichtes Blätter- und Nadelgewirr. Tannen neben massiven Eichenstämmen und Kastanienbäumen, deren Blüten in den Kronen funkeln.
Ein Trampelpfad verschwindet im Dickicht.
Mit schmerzlicher Verwunderung erinnert Jakob sich an das dicke Märchenbuch auf dem Nachttisch seines Kinderzimmers, an die Stimme der Mutter, die im Schein der Lampe daraus liest. Kostbare Momente der Zweisamkeit, in denen er sich mit wohligem Gruseln vor den Figuren der Fabelwelt fürchten dürfte, weil sie bei ihm war.
„Und wenn sie nicht gestorben sind …“, flüstert sie in sein Ohr. Er fühlt den warmen Hauch ihres Atems und ihre Hand, die seine unter der Bettdecke festhält, während sein Blick an ihren Lippen hängt.
Sofia ist geschrumpft. Sie reicht Jakob nicht einmal mehr bis an die Brust.
Der Wald verschluckt das Licht und das Säuseln des Windes.
Hänsel und Gretel. Dieses Märchen hat Jakob die größte Angst eingejagt. Von den Eltern verstoßen, alle Spuren vernichtet, angelockt von einer dunklen Macht, um sie mit Haut und Haaren zu vernichten. Knusper, knusper, knäuschen.
„Mama, warum wollten die Eltern Hänsel und Gretel nicht mehr?“ Im Schein der Lampe auf dem Nachtisch, der ihr weiches Haar schimmern lässt.
Fast erwartet er nun, die Umrisse des Knusperhäuschens zwischen den Bäumen auftauchen zu sehen, doch der Pfad hat sie zu einem Spielplatz geführt. Eine rote Rutsche, ein marodes Klettergerüst und eine Schaukel, die leise quietschend vor und zurück schwingt.
„Sofia, ich kenne ...“ Er dreht sich zu ihr um und keucht. Sie ist nur noch ein Kind, das ängstlich zu ihm aufschaut. Es liegt etwas dermaßen Rührendes in ihren Ausdruck, dass er sie auf die Arme nimmt. Mit ihrem leichten Körper auf der Hüfte tritt er hinaus auf die Lichtung. Was wird von ihm verlangt? Sofias Kopf und ihr flacher Atem drücken sich an seine Wange. Er ergreift die Kette der Schaukel und lässt sich auf der Sitzfläche nieder. Wann hat er zuletzt geschaukelt? Er entsinnt sich, wie es funktioniert und stößt sich vom Boden ab. Vor und zurück, höher hinauf, bis es in seinem Bauch zieht und kribbelt.
Ich fliege! Über den Wolken muss die Freiheit ...
Sofias Gewicht auf seinem Schoß ist weggeblasen. Er blickt an seinem schaukelnden Körper hinab, erkennt den blauen Regenmantel und die Gummistiefel.
„Mama, schau, wie hoch ich schaukeln kann! Mama, schau doch!“
Sie schaut, im roten Regenmantel an das Klettergerüst gelehnt. Sie winkt.
Wieder schwingt er die kurzen Beine, fliegt hoch in den Himmel und lässt die Ketten los, am höchsten Punkt, als die ziehende Verlockung im Bauch bittersüß wird. Er saust durch die Luft, kommt wankend zum Stehen und klatscht doch auf den Hintern.
„Mama?“ Er will weinen, doch das gehört sich für einen großen Jungen nicht. Immerhin ist er schon sechs Jahre alt, in ein paar Tagen kommt er in die Schule. Doch es ist ein verregneter Sommer, kühl und von Gewitterschlachten durchzogen. Auch jetzt ist der Himmel beinahe schlachtbereit.
Regungslos steht die Mutter am Klettergerüst. Er möchte sie beeindrucken, ihre Aufmerksamkeit ganz für sich haben, weil er weiß, dass sie nicht immer für ihn da sein kann. Manchmal ist sie krank und obwohl er sich ihr dann noch näher fühlt, schickt sie ihn fort. Jeder Moment, in dem er bei ihr sein darf, ist kostbar. Er türmt sie in seinem Herzen auf. Für schlechte Zeiten. Für dunkle Zeiten. (…)

***


(…) Jakob wartet, bis Haru seine Kippe im randvollen Aschenbecher ausgedrückt hat. Schweigend stehen sie nebeneinander. Jakob zählt die Filter auf dem rostigen Gitter und kommt bei jedem Anlauf durcheinander. Er muss sich beherrschen, dem Gefäß keinen Fußtritt zu verpassen. Wie soll er in den Schlaf finden? Wie soll er jemals wieder zu irgendetwas finden, wenn sein Verstand schlappmacht?
Auf dem Weg zu seinem Zimmer schlurft ihm die Puppenoma mit ihrem Haargestrüpp entgegen. Als sie ihn entdeckt, werden ihre Bewegungen hektisch. Sie streckt den Puppenbalg in die Höhe.
„Weh“, gurrt sie verzweifelt. „Aua weh.“
Jakob will ihr ausweichen, aber sie drängt sich an ihn. Ihr Atem riecht nach Urin.
„Weh, weh“, wiederholt sie eindringlich. Sie weint. Ihre Runzeln sind tiefe Furchen.
„Aua, aua“, sagt sie, als wäre er schwer von Begriff. Ihre knochigen Finger umschließen seinen Arm, während sie ihm die Puppe hinhält. „Weh, weh, weh, weh!“
Ein unheimlicher Singsang.
Er blickt auf den Puppenkörper hinab. Der schmuddelige Leib ist mittig aufgerissen, graue Stoffeingeweide quillen daraus hervor. Plötzlich versteht er und hat Mitleid.
Die alte Frau ist völlig außer sich: „Weh, weh, weh.“
Vorsichtig nimmt er den Puppenkörper in die Hände und versucht, den Riss zu stopfen. Seine Finger ertasten etwas Festes im Inneren und ziehen vorsichtig daran. Ein Schlüssel.
„Sehen Sie“, sagt er und hält ihr den Schlüssel vor die Nase. „Den brauchen Sie sicher noch.“ Sie schüttelt energisch den Kopf. Haarsträhnen fallen in ihr verhutzeltes Gesicht. „Nein, nein“, sagt sie. „Weh.“
„Das kann man nähen“, versucht er sie zu beruhigen.
Die alte Frau starrt ihn an wie einen bösen Geist.
„Ihre Puppe wird gesund“, ändert er die Taktik. „Kein Aua. Sie wird gesund.“ Er drückt ihr den Balg wieder in die Arme und wedelt mit dem Schlüssel. „Verwahren Sie den woanders. In einer Tasche. Im Nachttisch.“
Die Alte schnalzt unwillig mit der Zunge.
„Tasche! Nachttisch!“, sagt er lauter. Jesses Maria! „Nehmen Sie Ihren Schlüssel!“ Jetzt schreit er fast. Sicher hört sie schlecht.
Unwillig schlägt sie seine auf und abwackelnde Hand fort und wendet sich zum Gehen.
„Stopp“, ruft er.
Sie fährt herum. „Deins“, sagt sie und funkelt ihn mit ihren wässrigen Augen an.
„Nein, das ist nicht mein Schlüssel.“
„Deins“, wiederholt sie und lässt ihn stehen.
Schwester Lena biegt um die Ecke und steuert auf ihn zu.
„Sie sind ziemlich laut, Herr Kuhn“, sagt sie vorwurfsvoll.
Er wedelt mit dem Schlüssel. „Die alte Dame da hört schlecht, ist verwirrt, was weiß ich, jedenfalls ist das hier ihr Schlüssel. Können Sie ihn ihr bitte wiedergeben?“
Schwester Lena kneift die Lippen zusammen. „Das ist nicht lustig“, sagt sie. „Wenn ich nochmal sehe, dass sie etwas in der Art tun, muss ich das an Dr. Edmond weiterleiten.“
„Wie bitte?“
„Herr Kuhn“, schnaubt sie. Ihr hübsches Gesicht wird hässlich. „Die Puppe ist ihr ein und alles. Spielen Sie ein Spielchen mit ihr?“
„Nein. Was? Das war so: Sie kam zu mir, drückt mir das Ding in die Hand, ich sehe, dass die Puppe kaputt ist…“
„SIE haben ihr die Puppe abgenommen, vorhin, auf dem Hof. SIE haben der Puppe den Bauch aufgerissen und sind dann lachend weggegangen. Wie gesagt, den nächsten Vorfall dieser Art werde ich melden.“
„Wie bitte, ich habe nicht…“
„Und noch etwas, Herr Kuhn, in ihrem eigenen Interesse. Sie sollten vorsichtig sein, was Sie Herrn Richter gegenüber äußern. Lennert Richter. Privates, meine ich.“
„Wovon reden Sie denn da?“
„Erzählen Sie Patienten wie ihm nichts Persönliches. Er spricht sehr abfällig über ihre Mutter und das ist sicher nicht in ihrem Sinne. Viele unserer Patienten befinden sich in prekären psychischen Zuständen, die einen rücksichtvollen Umgang mit der Privatsphäre Anderer erschweren.“ Ehe Jakob etwas erwidern kann, macht sie kehrt und verschwindet in Richtung Stationszimmer. (…)