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Kim Rylee
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  23-08-2019 11:04 23-08-2019 11:04 284  Gelesen 284 Gelesen
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"gestatten: Jessy – Schutzengel" Ein Urban-Fantasy-Buch von Kim Rylee.



Nach ihrem Tod erhält Jessy im Himmel eine Ausbildung zum Schutzengel.

Aber ein Schutzengel, der Angst vor dem Fliegen hat? Das schafft Probleme und setzt Jessy dem Hohn der Mitschüler aus.
Dennoch wird ihr der ungewöhnliche Auftrag erteilt, Wendel auf der Erde zu beschützen.
Keine leichte Aufgabe, denn der unberechenbare Junge ist das Kind übermenschlicher Wesen und lässt sich nicht gern in menschliche Normen zwängen.

Jessys Auftrag wird zur Existenzfrage, als sie Wendels Seele retten muss, da finstere Mächte mit allen Mitteln versuchen, ihren Erfolg zu verhindern.


Lesermeinung: "Fantasy zwischen bittersüß und höllenfies"




Leseprobe:



Jessy



Eine Schwärze hielt Jesajah umfangen, hatte sie eingelullt und in sich aufgesaugt. Dennoch fühlte sie sich wohl, gar umsorgt.
»Mach die Augen auf, Goldstück.«
Bereits zum vierten Mal versuchte eine Stimme, sie zu wecken.
»Mama! Wann steht Jessy endlich auf? Ich will wieder mit ihr spielen«, mäkelte die Stimme eines kleinen Jungen.
»Jetzt noch nicht, Joshua. Deine Schwester braucht noch Ruhe.«
»Mamaaaa!«
»Jetzt nicht«, zischte die Mutter.
»Geh zum Herrn. Schau, ob er zu Hause ist. Wenn ja, dann frag nach einer weiteren Decke. Zieh dir aber vorher etwas Warmes über. Draußen ist es bitterkalt.«
»Das ist ungerecht.« Der Dreijährige stampfte mit dem Fuß auf dem Boden.
»Joshua«, entgegnete sie leicht genervt, konnte ihrem Sohn aber nicht böse sein. Er liebte Jessy über alles. Die Geschwister hatten nur selten Zeit zum gemeinsamen Spielen. Nun bedurfte Jesajah ihrer ganzen Aufmerk-samkeit, sodass der kleine Bruder in den letzten Tagen zu kurz gekommen war.
»Bitte. Tu mir den Gefallen. Ich denke, du willst ein großer Junge sein?« Die beschwichtigenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.
»Immer ich«, murrte Joshua, steckte den Daumen in den Mund, dann machte er sich polternden Schrittes auf den Weg.
Jesajah wollte nicht aufwachen. Sie mochte das Gefühl der Geborgenheit. Bisher war sie nur sehr selten in den Genuss von Anteilnahme gekommen, die einem tiefen Liebesbeweis glich. Damit die Familie wenigstens ein paar Krümel zu essen hatte, musste sie viel über sich ergehen lassen. Gemeinsam mit ihrer Mutter schuftete Jessy auf den Feldern. Sobald die Dämmerung einsetzte, half sie bei der Hausarbeit, oder kümmerte sich um denPferdestall.
»Goldstück, bitte wach auf«, flehte die sanfte Stimme, die für eine Sekunde ein seichtes Lächeln auf ihr Gesicht zauberte.
Ihre Mutter strich die Locke weg, die sich durch den Schweiß auf Jesajahs Stirn geheftet hatte.
»Bitte, Kleines«, schluchzte Mechthild.
»Öffne deine wundervollen meerblauen Augen … für mich.« Die letzten Worte waren kaum noch zu vernehmen.
Jessy sank zurück in einen wunderschönen Traum. Tauchte in eine Dimension ein, in der sie das gnadenlose Leben, das sie bisher hatte führen müssen, hinter sich lassen konnte. Sie wollte in die Welt entgleiten, in der sie sich gut aufgehoben fühlte, statt in die raue Realität zurück-zukehren, die ihr alles abverlangte. Auf einen Alltag, der sich hart wie Marmor gestaltete, konnte sie gern ver-zichten.
Jesajah verzauberte alle. Ihre Lebhaftigkeit brachte eine herzerfrischende Freude in den schweren Alltag von Mechthild. Es gab kaum jemanden, der nicht auf Anhieb dem kleinen Wirbelwind verfallen war. Jessys helle Lockenpracht sowie ihre kindlich leuchtenden Augen bewahrten die beiden vor dem Verhungern.

Das Leben meinte es nicht gut mit der Familie. Bei einem Überfall auf das Dorf starb Jesajahs Vater. Das geschah an ihrem vierten Geburtstag. Mechthild hatte sich ihre kleine Tochter geschnappt, flüchtete in den Wald, um dort Schutz zu suchen. Die junge Mutter besaß nichts mehr. Nur Jesajah – ihr Goldstück, wie sie sie liebevoll zu nennen pflegte. Das kleine Mädchen war ihr wertvollster Schatz, den sie mit ihrem Leben beschützte. Sie hatten alles verloren, waren arm wie Kirchenmäuse, als der Himmel über ihnen die Schleusen öffnete. Hastig suchten Mechthild und ihre Tochter Schutz unter einer großen Eiche. Während sie dort, fast verhungert, auf das Ende des Wolkenbruchs warteten, tauchte ein Reiter auf. Trotz des fürchterlichen Wetters stoppte er. Als er das kleine Mädchen – zusammen-gekauert und vor Nässe frierend – an seine Mutter geklammert sah, stieg er vom Pferd.

Er war kein auffälliger Mann – hätte der Makel in seinem Gesicht nicht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Statt einer Nase klaffte in der Mitte ein Loch, verursacht durch einen Schwerthieb. Zusätzlich bedeckte ein dunkelrotes Feuermal die gesamte linke Wange, als hätte er kürzlich eine kräftige Ohrfeige verpasst bekommen. Wortlos nahm er das Mädchen auf den Arm. Dabei schaute er in zwei Kinderaugen, die ihn voller Hoffnung anhimmelten. Sie schien keine Furcht vor ihm zu haben, ganz im Gegensatz zu Mechthild. Doch die Mutter war zu geschwächt, um gegen einen Kämpfer wie ihn bestehen zu können.
Er stellte sich als Raguil vor, erklärte, dass seine Frau, die den Haushalt geführt und ihn versorgt hatte, kürzlich verstorben sei. Zudem brauchte er jemanden, der die Felder bestellte.
Dankbar, endlich ein Dach über den Kopf sowie etwas zu essen zu bekommen, nahm Mechthild das Angebot an. Raguil wies ihnen eine Bleibe in der Scheune zu.

Die Mutter kochte für ihren Herrn Essen, sorgte für Sauberkeit im Haus und bestellte mit Jessy das Feld. Um seinen Lebensstandard zu erhalten, veräußerte Raguil die Ernte.

Es war noch nicht einmal ein Jahr vergangen, als Mechthild schwanger wurde. Neun Monate später gebar sie ihren Sohn Joshua. Während ihrer Schwangerschaft erkaltete Raguils Herz mehr und mehr, ohne dass ein erkennbarer Grund vorlag.

Die kommenden zwei Winter waren hart. In der Scheune gab es keine Feuerstelle, sodass im Wohnraum die Temperaturen unerbittlich absackten.
In diesen Nächten rückten Mechthild, Jesajah und Joshua immer dicht zusammen. Das Stroh schützte die kleine Familie kaum vor der Eiseskälte, ebenso wenig die dünnen Leinendecken, was zur Folge hatte, dass Jessy an einer Lungenentzündung erkrankte.

Schlurfende Schritte waren zu hören.
»Danke, Joshua.« Mechthild drehte sich nicht um. Sorge hatte sich über ihr Gesicht ausgebreitet. Dunkle Augenringe sowie tiefe rote Falten zeichneten sich auf ihrem einst schönen Antlitz ab, auf dem sich nun das harte Leben widerspiegelte.
»Geh bitte noch einmal zurück zum Herrn. Bitte ihn, ins nächste Dorf zu reiten. Wir brauchen dringend einen Doktor.«
Während die Mutter ihre Tochter in eine weitere Decke einhüllte, begann Jessy zu keuchen. Das Husten tat ihr weh. Ein kleines Rinnsal Blut lief aus ihrem Mundwinkel. Obwohl sie am ganzen Körper zitterte, glühte ihre Haut. Kurz schlug sie die glasigen Augen auf, die all den kindlichen Glanz verloren hatten.
»Durst«, flüsterte sie heiser. [ … ]



Der Chronist



»Hallo? Wo bin ich denn hier? Halloooo?« Jessy blickte sich um. Um sie herum schien alles in ein gelbes Licht getaucht zu sein, das eine angenehme Wärme ausstrahlte. Obwohl sie allein war, verspürte sie keine Angst, dennoch war ihr etwas mulmig zumute.
Seltsam.
Während weitere Minuten verstrichen, machte Jessy vorsichtig einen Schritt nach dem anderen. Sie wusste nicht, wohin sie überhaupt ging. Alles sah gleich aus. Es gab keine Straßen. Keine Bäume oder Häuser. Es gab nichts, was ihr einen Hinweis darauf hätte geben können, wo sie sich befand.
»Ist hier jemand?« Ihre Frage kam zögerlich. Als niemand antwortete, sackten ihre Schultern betroffen hinab. Die Neugierde wuchs, sodass Angst keine Chance hatte, von ihr Besitz zu ergreifen.
Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich hierhergekommen bin. Bin ich etwa gestorben? Aber ... vielleicht bin ich gar nicht tot? Nur ... wo bin ich dann? Sie schob die Unterlippe vor, um die Locke aus ihrer Stirn zu pusten. Plötzlich hielt sie inne. Ihre Augen spähten in die Ferne. Ein seichtes Gemurmel klang in ihren Ohren. Noch immer konnte sie nichts erkennen. Also lief sie in die Richtung, von der sie glaubte, dass sich dort Menschen aufhielten. Es wunderte sie, dass sie ihre Schritte nicht hörte. Abrupt stoppte Jessy.
Wenn ich mich hier so umschaue ... Ich befinde mich in ... Tja, in was? Es ist kein Raum, denn hier sind nirgends Wände. Auch keine Türen oder Fenster. Fünfzig Meter entfernt bewegte sich etwas.
Augenscheinlich bin ich nicht allein. Ist das hier ein Kindergarten? »Hallo? Ihr da!«
»Du bist zwar gestorben, Jesajah, doch du bist nicht tot.«
Sie wirbelte herum.
Nanu?
Sie kannte die Stimme nicht, die eindeutig einem Mann gehörte, suchte aber dennoch nach ihrem Ursprung.
»Wer ist da? Woher kennst du meinen Namen?« Sie drehte sich mehrmals um die eigene Achse.
»Wer hat da eben zu mir gesprochen? Los! Raus mit der Sprache! Und zeig dich endlich.«
Jessy war noch nie ein ängstliches Mächen gewesen. Bereits in frühen Jahren musste sie hart arbeiten. Angst war bei der Feldarbeit und den zu entrichtenden Hausarbeiten fehl am Platz. Trotz ihrer acht Jahre hatte sie sich immer um ihren jüngeren Bruder Joshua gekümmert. All das lag nun hinter ihr, doch Jessy konnte sich an dieses Leben nicht mehr erinnern.

Ein Mann mit kurzen dunklen Haaren und lockigem Vollbart löste sich aus der Menge. Selbstbewusst schritt er auf Jessy zu. Seine stolze Haltung ließ sie vor Ehrfurcht fast erstarren. In einem für sie angenehmen Abstand hielt er an.
Große meerblaue Augen musterten ihn.
»Wer bist du?«, fragte sie zaudernd. Ihre Augen verwandeln sich in schmale Schlitze, als würde sie eine Sehhilfe benötigen, um zu erkennen, wer vor ihr stand. Jessys Stirn schlug tiefe Falten.
Krampfhaft überlegte sie, ging in Gedanken all ihre Bekannten und Freunde durch, doch da war nichts. Ihre Erinnerungen … wie ausgelöscht.
»Mein Name ist Xenophon.«
Jessy schüttelte den Kopf, sodass ihre Korkenzieherlocken umherflogen.
»Den Namen habe ich noch nie gehört«, entgegnete sie mit einer Überzeugung in der Stimme, die sie selbst überraschte, denn in ihrem Kopf gähnte eine Leere, die sie sich nicht erklären konnte.
Xenophon schien weder verwundert noch verärgert zu sein. »Oh. Ich erwarte nicht, dass du mich kennst. Erlaube mir, dir einige Informationen zu meiner Person zu geben. Ich war einst ein griechischer Politiker, Feldherr sowie ein Schüler des Sokrates.« Er wartete. Als er erkannte, dass bei Jessy noch immer kein Licht aufging, fuhr er fort. »Zudem bin ich ein Schriftsteller. Ich habe die Worte des Sokrates aufgeschrieben, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Nun bin ich hier, um deine Geschichte zu schreiben.«
Jessys Augen wurden groß und feucht, sodass das Meerblau darin zu glänzen begann.
»Meine Geschichte?« Mit dem Handrücken wischte sie unter der Nase entlang. Dabei ertönte ein leises Schniefen.
»Genau. Als dein Chronist werde ich Aufzeichnungen über dich anfertigen, damit jeder weiß, wer du bist. Deine Taten könnten dich berühmt machen.« Er streckte die schmale Brust heraus, was die Phiole zum Baumeln brachte.
Jessy setzte sich im Schneidersitz hin. Erwartungsvoll schaute sie zu ihm auf.
»Was tust du da, Jesajah?« Xenophon rieb sich mit der Hand über den Bart.
»Ich mache es mir gemütlich, damit ich meiner Geschichte lauschen kann. Ich erinnere mich nicht an das, was geschehen ist.« Sie rutschte noch einmal auf ihrem Po hin und her. Als sie bequem saß, strich sie mit den Händen den Rock ihres Kleides glatt, bevor sie sich wieder dem Chronisten widmete.
»Also. Schieß los«, forderte sie ihn freudestrahlend auf.
Während er die freie Hand in die Hüfte legte, holte Xenophon tief Luft.
»Ich muss dich enttäuschen. Ich werde die Geschichte erzählen, die erst noch vor dir liegt. Deine Vergangenheit kenne ich ebenso wenig wie du.«
Enttäuscht senkte Jessy den Kopf.
»Deine Taten als Schutzengel sind die Ereignisse, über die ich berichten möchte.«
Sie schwieg, während sie mit dem Zeigefinger Kreise auf dem flauschig wirkenden Boden zeichnete, der zäh wie Knetmasse war. Dennoch verschwand der tellergroße Bogen wieder, kaum dass Jessy ihre Zeichnung vollendet hatte.
»Dann bin ich also so richtig tot«, sinnierte sie. Abrupt hob sie den Kopf. »Und im Himmel?«
»Ja und nein.«
»Hä?«
»Du bist gestorben, aber nicht im Himmel.«
»Hä?«
»Du bist in … Hm, wie soll ich es dir am einfachsten erklären?« Er kratzte sich mit dem Griffel an der Schläfe. »Nun, wir nennen es die Obere Ebene.«
Noch immer schaute sie ihn entgeistert an.
»Der Himmel, wie du ihn nennst, also der Kosmos ...«
»Kos … was?«
Bisher hatte der Chronist nur die Geschichten von Philosophen oder Feldherrn aufgeschrieben, nie jedoch die eines Kindes, das kurz davor stand, ein Schutzengel zu werden. Er hoffte, dass ihn dieses Projekt nicht überfor-dern würde.
»Kosmos. Das wirst du alles noch lernen. Erst einmal schicke ich dich auf die E.n.G.E.l.«
»Und du willst Schriftsteller sein?« Verwirrt starrte sie ihn an. Xenophon schaute dumm aus der Wäsche, da ihm der Zusammenhang gerade nicht klar war.
»Das heißt ›zu den Engeln‹ und nicht ›auf die Engel‹.«
Diese kecke Art war er nicht gewohnt, sodass er den Oberkörper streckte.
Oh je, sie ist auch noch eine Klugscheißerin. Er legte den Kopf in den Nacken, den Blick nach oben gewandt. Das wird anstrengend, dachte er. [ … ]


Eine gute Wahl?



»Du lebst bereits so lange unter uns Erzengeln, und noch immer traust du dich nicht, mich anzusehen.« Seraphiel schien enttäuscht, versuchte aber, es zu verbergen.
»Ich kann deinen Anblick kaum ertragen, Seraphiel. Deine außerordentliche Schönheit würde mir das Denken erschweren. Soweit ich weiß, wurde ich mit dem ewigen Leben auf der Oberen Ebene belohnt, damit ich über die ganz besonderen himmlischen Geschöpfe schreibe. Das ist eine Aufgabe, die ich sehr gern mache, daher möchte ich mich nur ungern davon ablenken lassen.«
»Du warst schon immer ein guter Gelehrter, Xenophon. Aus diesem Grund wollte ich, dass du diese Position bekleidest. Nicht vielen Menschen wird dieser Zustand gewährt.« Er überlegte, da ihm an diesem Satz etwas nicht richtig erschien.
»Wenn ich es mir genau überlege, bist du der einzige Mensch, dem dieses Zwischenleben ermöglicht wurde.«
»Und dafür bin ich mehr als dankbar, Seraphiel.« Xenophon neigte den Kopf zur Bekundung seines Respekts.
»Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut ...« Der Erzengel unterbrach sich selbst.
»… das ist Wissen«, beendete Xenophon das Sprichwort.
»Genug geschwafelt. Kommen wir zu meinem eigentlichen Anliegen: Jesajah. Bist du noch immer der Ansicht, dass wir die richtige Wahl getroffen haben, sie zu einer Guardian auszubilden? Sie erscheint mir etwas unorthodox.«
Ohne den Blick zu heben, beantwortete Xenophon die Frage.
»Nun, Jesajah ist in der Tat eher unangepasst. Doch die Aufgabe, für die sie vorgesehen ist … Dazu braucht es diese Individualität.«
Seraphiel nickte, doch Xenophon bemerkte es nicht.
»Wie macht sie sich im Unterricht? Ist sie eine gute Anwärterin für die Guardians? Du weißt, dort werden nur die besten Absolventen verzeichnet.«
»Nun, Seraphiel«, der Chronist kam ins Stocken, »Jesajah hat so ihre Eigenarten.«
»Das bedeutet?«
Es war nicht gut, dem Erzengel etwas vorzumachen, zumal Seraphiel die Fähigkeit besaß, Gedanken zu lesen.
»In den theoretischen Fächern ist sie immer ganz vorn, zeigt starkes Interesse. Sie lernt fleißig, doch in den prak-tischen Unterrichtsstunden …« Kurz überlegte er. Unver-mittelt schnippte er mit dem Finger, sodass Seraphiel überrascht die Augenbrauen hob. »Nehmen wir zum Beispiel Dämonenkunde. Darin ist sie immer bemüht. Die Zuweisung der niederen bösartigen Kreaturen kennt sie aus dem FF. Auch die Abwehrsprüche gegen höhere Dämonen lernt sie eifrig auswendig. Im Unterricht hat sie die Sprüche jedes Mal parat. Nur wenn es darum geht, die Zaubersprüche in der Praxis anzuwenden, wird sie unsicher. Letztens hat sie gegen eine Chimäre kämpfen sollen. Ein Teil der Beschwörungsformel war ihr entfallen. Jesajahs Spruch machte die Chimäre zwar kleiner, dafür aber auch stärker. Ihr Gegner ging zum Gegenangriff über. Trotzdem sie nicht größer als ein Feldhamster war, schaffte die Dämonin es, Jesajah mit einem gezielten Schlag gegen die Wand zu schleudern und setzte sie damit außer Gefecht. Die Guardian-Änwärterin trug einige Blessuren davon.«
»Diese kleinen Hitzköpfe. Immer wollen sie zuerst mit dem Kopf durch ...« Er legte die Fingerspitzen aneinander, als suchte er darin die Vollendung des Satzes.
»… die Wand«, entgegnete der Chronist.
Seraphiel schien amüsiert. Dennoch konnte er den Ernst der Lage nicht verleugnen. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Hölle sich auf einen Gegenschlag vorbereitete. »Immer wieder geschieht es, dass diese Kreatur der Unterwelt sich unschuldiger Seelen bemächtigt, um eine Armee aufzustellen. Ich möchte ungern noch mehr meiner Guardians an irgendeinen Dämon verlieren. Der letzte Krieg hat genug Opfer hervorgebracht. Der Tag der Vergeltung wird kommen. Das ist so sicher wie das Amen ...«
»… in der Kirche«, beendete Xenophon den Satz wie gewohnt.
»Unsere Armee muss bereit sein. Dafür benötigen wir jeden Erzengel und die Schutzengel.« [ … ]