Banner
Ereignisse
<< September 2020 >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30        

Keine Ereignisse.

Mitglieder Online
Gäste Online: 4

Mitglieder Online: 0

Mitglieder insgesamt: 7
Neuestes Mitglied: Mandy Schur
Login
Benutzername

Passwort



Passwort vergessen?
Um ein neues Passwort anzufordern klicke hier.
Anmeldung
Newsletters

Anmeldung zum Newsletter






Angemeldet: 1376

Noch kein Kindle?

Artikel Navigation
Cornelia Rückriegel
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  14-02-2020 06:02 14-02-2020 06:02 644  Gelesen 644 Gelesen
printer




"Annie 1 - Auszeit unterm Regenbogen"Ein Roman von Cornelia Rückriegel.



Was macht eine Frau, deren Ehe gerade in die Brüche gegangen ist? Die erst einmal völlig orientierungslos vor einer neuen, beängstigenden Situation steht? Je nach Temperament entpuppt sie sich als Kämpfer oder als Flüchter. Annie wählt zunächst die Flucht. Dass sie dabei ihre Kämpfernatur entdeckt und feststellt, dass sie sehr wohl auf eigenen Beinen stehen kann, ist eine völlig neue Erfahrung für die 45-jährige, die ihr neuen Lebensmut gibt. Ausgerechnet in der Heimat ihrer Vorfahren, auf der Smaragdinsel Irland, lernt Annie ihre unbekannte Seite kennen.



Leseprobe:



Der Unfall

Der Wagen rast die schmale Straße entlang. Ungebremst. Auch nach dem Aufprall verringert er seine Geschwindigkeit nicht.
„Du verdammter Dreckskerl“, schreit es aus ihr heraus. Der kleine Hund fliegt mehrere Meter durch die Luft, schlägt mit einem entsetzlich dumpfen Klatschen auf dem harten Boden auf und rührt sich nicht mehr. Annie stürzt zur Unfallstelle, kniet neben dem verletzten Welpen, der eben noch so fröhlich war. Blut fließt aus seinem halbgeöffneten Mäulchen, er gibt kein Lebenszeichen von sich. Von Panik erfüllt schaut sie sich um. Sie ist allein hier mit dem schwer verletzten Hund. Was jetzt? Am liebsten würde sie weglaufen.
„Ja, im Weglaufen bist du ja groß“, schimpft sie sich selber. „Stell dich doch endlich mal einem Problem! Tu was!“ Aber was? Die Worte ihres schon lange verstorbenen Vaters fallen ihr ein, der sie immer wieder aufgefordert hatte, sich Aufgaben zu stellen – allerdings mit mäßigem Erfolg. Doch er sagte immer: „Wenn du eine riesige Aufgabe vor dir siehst, fang mit kleinen Schritten an. Tu einfach das Nächstliegende.“ Okay. Das Wichtigste ist, erst mal den armen kleinen Kerl von der Straße zu bringen und dann – na, eben Hilfe holen. Egal wo.
Weinend zieht sie ihre helle Sommerjacke aus, bettet den kleinen Hund darauf und trägt ihn zunächst einmal an den Straßenrand, damit er in Sicherheit ist. Dann rennt sie, so schnell sie ihre Füße tragen, zu dem hübschen, kleinen Farmhaus, das auf dem Grundstück liegt, aus dessen Tor der fröhliche Welpe angesprungen kam. Sie findet keine Klingel, sie hämmert an die Tür. Es ist kein höfliches Klopfen, dafür ist sie viel zu aufgeregt. Sie poltert, hämmert, ruft – keine Reaktion.
Offensichtlich ist niemand zu Hause. Niedergeschlagen kehrt sie zu dem Welpen zurück, der inzwischen angefangen hat, ganz jämmerlich zu fiepen. Sie nimmt ihn eingehüllt in ihre mittlerweile blutverschmierte Sommerjacke auf die Arme und läuft los. Wohin, weiß sie nicht, einfach erst mal zum nächsten Haus. Irgendwo wird doch jemand zu Hause sein, irgendwo wird doch jemand sein, der dem kleinen Kerl helfen kann.
In ihrer Aufregung hört sie das Auto erst, als der Wagen direkt neben ihr hart abbremst.
„Was gibt es denn, Lady? Kann ich Ihnen helfen?“ Ein wettergegerbtes Gesicht, von graublondem Haar umrahmt, lächelt ihr freundlich aus dem geöffneten Autofenster zu. Es wird ihr bewusst, welch seltsamen Anblick sie bieten muss, verheult, zerzaust und mit einer blutigen Jacke über dem Arm, in die ein jammerndes Hundekind eingewickelt ist. Doch das ist jetzt ganz egal.
„Der Hund… verletzt... ich brauche Hilfe….“
Der alte Mann erfasst mit einem Blick die Situation, springt aus dem Auto, schaut das Hundebündel an. „Damnd, das ist Flanni!“ Sie blickt ihn verstört und nicht verstehend an. „Das ist der Hund meiner Tochter. Den hab ich ihr erst letzte Woche geschenkt. Wie kommen Sie zu dem Hund? Was ist passiert?“
Noch während er sie mit seinen Fragen überfällt, zückt er sein Handy. Bevor sie Luft holen kann, um ihm zu antworten, hat er offenbar jemanden erreicht.
„Seamus? Hier Dermott. Wo steckst du?“
Unverständliches Gequake dringt aus dem Telefon, doch der alte Mann ist offenbar vertraut mit der unzulänglichen Verbindung.
„Ich hab Flanni hier, weiß nicht, was passiert ist, sieht übel aus, ´ne Lady hat ihn von der Straße aufgelesen…“
„Er wurde von einem Raser überfahren!“ wirft Annie ein.
Der Alte nickt ihr zu, zum Zeichen, dass er verstanden hat. „Hörst du, einer dieser Idioten hat ihn erwischt, über´n Haufen gefahren.“
Wieder Gequake aus dem Hörer.
„Ja, gut, okay, dann komm ich dahin. Bin in fünf Minuten da.“ Er schaut Annie an. „Legen Sie den Kleinen in mein Auto, ich bring´ ihn zum Tierarzt.“
Zu ihrer eigenen Überraschung fragt die schüchterne, zurückhaltende Annie: „Kann ich mitkommen? Ich kann ihn im Auto halten, das wäre doch besser, als wenn er da allein liegt…?“
„Steigen Sie ein!“
Mit unnötigen Worten und unnützen Floskeln hält sich der alte Mann nicht auf. Annie klettert auf den Beifahrersitz, den Hund im Arm, der graublonde Hüne schlägt die Tür hinter ihr zu, schwingt sich behände hinter das Lenkrad und braust los. Annie bereut ihr großherziges Angebot, klammert sich mit der einen Hand an das Armaturenbrett, hält mit der anderen das verletzte Hundebaby fest.
„Wird jetzt bisschen ungemütlich, Lady, der Tierarzt ist oben auf ´ner Farm, da sind die Straßen nicht so besonders gut. Aber bis er zurück in seiner Praxis wäre, würde zu viel wertvolle Zeit verloren gehen, deshalb bring´ ich den Hund jetzt gleich zur Farm.“
Annie lächelt tapfer und etwas gequält, doch ihr Griff am Armaturenbrett verstärkt sich. Wenn das bisher gemütlich war, kann sie sich ja auf dem Weg zu der abgelegenen Farm auf einiges gefasst machen. Aber der Fahrer kennt das Gelände und seinen Wagen, sie kurven zwar halsbrecherisch über die schmalen, von säuberlich aufgeschichteten Feldsteinen gesäumten Wege, aber sie hat nicht den Eindruck, dass ihr eine Gefahr drohe. Von dem breitschultrigen Alten neben ihr geht eine besondere Ausstrahlung aus, verlässlich, zuverlässig wirkt er. Ein Mann, der weiß, was er tut.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit nur wenige Minuten gedauert hat, halten sie vor einem hochgelegenen Farmhaus, direkt neben einem weiteren Jeep. Normalerweise würde Annie jetzt atemlos die Schönheit des einzigartigen Ausblicks genießen, die sich von hier oben aus auf die Halbinsel und die Bucht eröffnet, doch jetzt hat sie kein Auge für Naturschönheiten. Mit langen Schritten rennt ihr Fahrer in das Stallgebäude.
Annie klettert mühsam aus dem Wagen, sorgsam den keinen Hund festhaltend, der immer noch erbärmlich jammert. Da taucht Dermott auch schon wieder auf, zwei weitere Männer im Schlepptau. Einer biegt sofort in Richtung Farmhaus ab, der andere kommt zum Auto.
„Hallo, wo ist der Hund?“
Wortlos präsentiert Annie das fiepende Bündel. Der Tierarzt, sicher nur wenig jünger als Dermott, nimmt ihr den Patienten ab, trägt ihn zum Haus. Dort hat der andere Mann inzwischen den Tisch von allem Überflüssigen geräumt, indem er es teilweise offensichtlich einfach zu Boden gefegt hat. Konzentriert beugt sich der Tierarzt über den kleinen Hund. Die beiden anderen Männer stehen mit angespannten Mienen dabei, auch Annie ist einfach und ohne viel zu fragen, mit ins Haus gegangen – unmöglich eigentlich, so etwas macht man doch nicht. Wo bleiben deine guten Manieren? Aber das fragt sie sich nur flüchtig, denn hier und jetzt ist eine Ausnahmesituation. Hier geht es allen Beteiligten nur um den kleinen Hund.
„Was für ein Glück, dass Lizzy nicht zu Hause ist. Das würd ihr mal grad gar nicht passen, ´nen Hund auf dem Küchentisch!“, grinst der Hausherr.
Auch Dermott schmunzelt, kann aber seine Ungeduld kaum bezähmen.
„Seamus, was ist mit ihm?“
„Hm. Soweit ich das jetzt beurteilen kann, ist nichts gebrochen. Aber genau kann ich das erst sagen, wenn ich ihn geröntgt habe. Ich geb´ ihm was gegen die Schmerzen und nehm´ ihn mit über´n Berg. Ruf mich in zwei Stunden an!“ Mit diesem Worten verpasst er dem unruhig jaulenden Hund eine Spritze, wickelt ihn wieder in Annies beste Sommerjacke und trägt ihn zu seinem Auto.
„Rob, wir waren ja sowieso fertig, wegen der Besamung komm ich erst übermorgen.“
„Is´ recht, Doc. Da müssen wir uns wohl nach den Ladies richten!“ Mit einem waghalsigen Start entfernt sich der Wagen des Tierarztes.
Annie bleibt zurück, sieht dem Wagen ungläubig nach und wird sich dann der Anwesenheit der beiden Männer bewusst, die da neben ihr im Hof stehen und sie mustern.
„Tja, äh, also…“, beginnt sie schüchtern, aber Dermott fasst sie schon beim Arm.
„Auf den Schreck, meine Gute, haben wir uns jetzt ein Gläschen verdient. Rob ist schon unterwegs, um uns etwas von seinem Lebenselexier zu holen.“
Grinsend nimmt Rob Kurs auf das Stallgebäude. Dermott führt sie zurück in die Küche, wo vor wenigen Minuten noch der kleine Hund auf dem Tisch gelegen hat.
Er sieht das Nichtverstehen in ihren Augen und glaubt, etwas erklären zu müssen. „Wissen Sie, Lizzy ist eine prachtvolle Frau, wirklich. Aber sie ist der festen Überzeugung, dass Whiskey von Teufel persönlich stammt, und deshalb muss Rob, der arme Kerl, seine Vorräte immer verstecken. Und da Lizzy sich um Haus und Garten kümmert, aber niemals den Stall betritt, ist das eben das beste Versteck.“
Annie lächelt verstört. Zu viel ist auf sie eingestürmt in der letzten halben Stunde. „Wo bringt er den Hund denn hin, wenn er sagt, er bringt ihn über den Berg?“
„Rüber nach Murreagh, dort hat er seine Praxis. Da kann er mehr für ihn tun als hier auf dem Küchentisch.“
In diesem Moment betritt Rob erneut die Küche, eine unscheinbare Flasche in der Hand, die eine Flüssigkeit enthält, die wie dunkles Gold schimmert. Der Hüne erhebt sich, geht zum Küchenschrank, dem er drei nicht zu kleine Gläser entnimmt. Er scheint sich hier auszukennen.
Rob schenkt einen großzügig bemessenen Schluck ein, alle drei erheben ihre Gläser, die beiden Männer sagen: „Slainte“, Annie prostet stumm und schüchtern zurück. Sie kostet ihren ersten selbstgebrannten Whiskey. Sie hat schon öfter Whisky getrunken. Whisky mit und ohne e – den amerikanischen und auch den schottischen. Auch Cognac, Baccardi und andere Spirituosen sind ihr nicht fremd, da wird hier und da mal in Gesellschaft etwas angeboten, auch zuhause in der biederen Bar in der hausbackenen Anbauwand im Wohnzimmer steht immer etwas für Gäste bereit.
Aber dieser Whiskey ist etwas Besonders. Das spürt sie, das schmeckt sie. So weich und golden, wie er im Glase glänzte, so rollt er auch die Kehle hinab, eine wohlige Wärme bereitend. Die Blicke beider Männer ruhen auf ihr. Anerkennung liegt in diesen Blicken, als sie dem ersten Probeschluck gleich einen weiteren folgen lässt.
„Ahh“, sagt sie aufseufzend, „das tut gut. Es ist, als ob dieses Zeug dieLebensgeister wieder auf den Plan ruft.“
„Ja, meine Liebe“, nickt Dermott ihr freundlich zu, „so ist das. Uisge beatha, das Wasser des Lebens, so wird der echte irische Whiskey auch genannt. Und am besten ist nun mal der Selbstgebrannte. Da liegt Wissen drin, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, nicht jeder kann einen wunderbaren irischen Whiskey brennen. Wissen, Gefühl und Liebe liegen darin. Und das muss man schmecken, das muss der Whiskey preisgeben.“
„Na, wenn das so ist“, entgegnet Annie, „dann ist dieser hier besonders gelungen, denn da liegt das alles drin.“
Das bringt ihr ein erfreutes Schulterklopfen von Rob ein, nicht aufdringlich, nur freundlich und auf eine gewisse Art kameradschaftlich. „Ja, Lady, den hat mein Bruder gebrannt, Lizzie will ja nicht, dass ich mich damit abgebe, aber ich könnte es sicher ebenso gut, wir haben es von unserem Vater gelernt. Aber wenn Lizzie erfahren würde, dass ich Whiskey brenne… na, da hätt ich keine ruhige Minute mehr!“ Und fröhlich prostet er den beiden zu. „Was soll´s, Frank sorgt schon immer dafür, dass ich einen kleinen Vorrat habe“, grinst er verschmitzt. Der graublonde Hüne nickt ihm verstehend zu.
Und Annie wundert sich. Männer. Echte, harte Kerle. Trotzen als Fischer und Farmer unter harten Bedingungen Wind, Wetter und der Unbill des Lebens. Aber wenn die Frau des Hauses sagt, Whiskey ist Teufelszeug, dann ist es Teufelszeug. Annie grinst stillvergnügt vor sich hin, als sie denkt: Es lebe das Matriarchat…. Nach dem Motto: ich bin der Herr im Haus, und was meine Frau sagt, wird gemacht. Aber sie hütet sich, diesen Gedanken laut werden zu lassen.
Mit der ihr eigenen Diplomatie geht sie einfach darüber hinweg und schlägt einen leichten Plauderton an, als Dermott sie fragt, was sie denn in diese menschenleere Gegend verschlagen habe.
„Ach, ich mache eine Busreise durch Irland. Einfach mal, um die Insel kennenzulernen. Und heute ist sozusagen ein freier Tag, ohne Sehenswürdigkeiten, so zur eigenen Verfügung. Der Bus macht Station in Dingle, und wir konnten uns aussuchen, wie wir den Tag verbringen wollen. Und da bin ich halt einfach losgelaufen, hatte irgendwie genug von den Menschen um mich rum, wollte mir in Ruhe alles anschauen.“
Dermotts Blick ruht verständnisvoll auf ihr.
„Ja, und da bin ich von der breiten Straße auf die schmale Straße und von da immer weiter den Berg rauf. Die Aussicht ist ja fantastisch. Und bei dem Hof, wo die vielen Pferde auf den Koppeln stehen, da bin ich hängengeblieben. Es sind so wundervolle Tiere, und ich hab mich einfach an die Mauer gestellt, um sie zu beobachten. Da war auch ein Eselchen dabei, das kam direkt zu mir, ich musste es nicht locken oder so, das kam einfach zu mir und wollte gekrault werden. Und in dem Hof neben der Koppel, da war der kleine Hund, der spielte mit einem Fetzen oder einem Hundespielzeug, hab ich nicht genau gesehen. Aber als er mich bemerkt hat, kam er aus dem Hof gerannt, wahrscheinlich wollte er mit mir spielen. Und in diesem Moment kam dieses verdammte Auto angeschossen, viel zu schnell für diese schmale Straße.“
Dermott holt tief Luft. „ Ja allerdings, wenn der anständig gefahren wäre, hätte er sicher noch bremsen können!“
„Ja, sicher. Aber der hat ja nicht mal gebremst, als er den Hund erwischt hatte, dieser widerliche Kerl“.
„Sie wissen nicht zufällig, was für ein Auto das war?“, fragt er ruhig.
„Nein, nicht genau. Also, das Kennzeichen hab ich mir nicht gemerkt, wenn Sie das meinen. Aber es war ein großer, dunkler Geländewagen.“ Sinnend hebt Dermott sein inzwischen neu gefülltes Whiskeyglas an die Lippen.
„Denkst du auch, was ich denke?“, fragt er Rob. Der nickt finster.
„Und nun ist sie zu weit gegangen.“
Unsicher blickt Annie von einem zum anderen, nicht verstehend. Dermott lächelt ihr freundlich zu.
„Is´ ´ne Art Farmerfehde hier oben bei uns. Nichts, was Sie belasten müsste.“ Nach einem kurzen, nachdenklichen Moment schaut er sie an und sagt: „Okay, Lady, ich danke Ihnen, dass Sie sich um den Hund gekümmert haben.“
„Ach, nein“, wehrt sie ab, „im Gegenteil, ich mach mir solche Vorwürfe. Wenn ich nicht dort stehengeblieben wäre, um mit dem Eselchen zu schmusen, hätte der Hund mich wahrscheinlich überhaupt nicht bemerkt und wäre nicht auf die die Straße gelaufen.“
„Mag sein. Dann hätte sie ihn ein anderes Mal erwischt. Aber so waren Sie gleich dort, konnten helfen und haben auch noch den Wagen gesehen. Das hilft uns schon viel.“
Sie schaut ihn leicht verstört an. Sein Gesicht hat einen energischen Ausdruck angenommen, ein harter Zug um´s Kinn zeigt, dass er einen Entschluss gefasst hat.
„Rob, ich bring die Lady jetzt erst mal wieder in die Stadt runter. Und dann schau ich nach Molly. Wir reden später weiter.“
Mit diesen Worten erhebt er sich, und Annie folgt ihm schweigend zum Wagen. Sie sieht noch, wie Rob mit der sorgsam gehüteten Flasche wieder im Stall verschwindet. Hoffentlich vergisst er nicht, die verräterischen Gläser wegzuräumen, denkt sie vorausschauend. Aber ein Ehemann, der offenbar einen solchen Hausdrachen sein eigen nennt, wird schon gewitzt genug sein.


Molly

Deutlich langsamer, als er mit dem verletzten Hund den Berg hinaufgejagt ist, fährt Dermott, offenbar tief in Gedanken versunken, nun wieder bergab, dem sich zwischen den Steinmäuerchen dahinschlängelnden Weg folgend. Kurz vor dem sauberen, weißgetünchten Farmhaus, aus dessen Tor der kleine Hund angesprungen kam, scheint er aus einer Lethargie aufzuwachen.
„Oh, da ist Molly. Ich spring´ schnell rein und sag´ ihr Bescheid wegen Flanni.“ Mit diesen Worten biegt er in den Farmhof ein und springt behände aus dem Wagen. Auch Annie steigt aus und betritt die Farm, die später so wichtig für sie werden soll.
„Dad, oh, gut dass du kommst, ich suche Flanni überall, er wird doch nicht weggelaufen sein? Ich war nur kurz unten, um die Kinder von der Schule abzuholen, und jetzt ist er nicht mehr da.“
Der graublonde Hüne tritt auf die zierliche junge Frau zu und nimmt sie in den Arm. „Flanni geht es gut – also, soweit gut. Er ist bei Seamus, der kümmert sich um ihn.“
„Seamus? Ja – aber … ich versteh nicht, wieso Seamus… was ist denn passiert?“
„ Er wurde überfahren, direkt hier vorm Tor. Diese junge Lady hier hat es beobachtet und hat versucht Hilfe zu holen.“ Er gibt den Blick frei auf Annie, die schüchtern im Hintergrund stehen geblieben ist. Die junge Frau blickt verstört von einem zum anderen, nickt Annie flüchtig zu und murmelt:
„Vielen Dank – aber wie…?“
„Sie war es. Und diesmal haben wir endlich einen Zeugen.“
„Oh, Dad, nein, das kann nicht sein. Soweit würde sie nicht gehen. Sie liebt Tiere.“
„Und sie hasst dich. Sie würde alles tun, um dir weh zu tun.“
„Aber Dad, ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Nur weil wir mal in denselben Mann verliebt waren?“
„Die Lady hat mir ihren Wagen beschrieben, stimmt´s Lady?“, wendet er sich nun direkt an Annie.
„Ich …äh… nun ja… also, ich hab nur einen großen, dunklen Geländewagen gesehen…“, stammelt sie. Unfassbar, wo ist sie denn da nun wieder hineingeraten?
Die zierliche junge Frau blickt sie an. Rötlich blonde Locken umrahmen ein schmales, junges Gesicht, das bei aller Jugend von tiefer Trauigkeit gezeichnet ist. Die intensiv blauen Augen stehen in einem reizvollen Kontrast zu der funkensprühenden Haarmähne, doch sie leuchten nicht, ihr Blick ist mutlos, verzweifelt. Einem plötzlichen Impuls folgend tritt Annie zu der jungen Frau, die sie in ihrer ganzen Art so an ihre Tochter erinnert. Sie hätte sie gern umarmt, aber das traut sie sich bei einer völlig Fremden nun doch nicht. So reicht sie ihr die Hand und sagt:
„Hallo, ich bin Annie. Also, eigentlich Anne Weber aus Deutschland. Ich mache Urlaub hier in Irland. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann…?“ Das junge Gesicht lächelt sie in formeller Höflichkeit an. „Ach, danke, das ist lieb. Ich bin Molly O´Sean, und das ist mein Vater Dermott. Ich nehme an, dass du dich der Dame noch nicht vorgestellt hast?“, wendet sie sich an den Hünen.
„Ehem, nein, da hast du Recht, irgendwie ist die Vorstellerei ganz untergegangen, wir hatten Wichtigeres zu tun.“
„Ja, was sagt Seamus? Wird er Flanni helfen können?“
Ernst sagt Dermott: „Kleines, das wissen wir noch nicht. Jedenfalls wird er alles versuchen.“
Entmutigt lässt sie die Schultern sinken. „Sagt den Kindern bitte nichts“, flüstert sie gerade noch, als zwei Rotschöpfe um die Hausecke rennen und auf den Großvater zustürmen.
„Grandpa! Fahren wir mit dir runter zu Grandma?“
Er blickt kurz zu seiner Tochter, sieht ihr zustimmendes Nicken und sagt: „Ja, was glaubt ihr denn, warum ich hier bin? Ich will euch abholen, damit wir mal gucken können, ob Grandma wieder was Tolles für euch gebacken hat.“
„Auja, Apfelküchlein, das sind die Besten“, ruft einer der Rotschöpfe, doch der andere widerspricht:
„Quatsch, Grandmas Scones sind viel besser….“
„Na, dann erst mal ab ins Auto, ihr Bande, und dann schau´n wir mal, was euch erwartet.“
Er blickt Annie an, die noch zögert. „Möchten Sie mit uns in die Stadt runterfahren?“
Sie sucht Mollys Blick, irgendwie ist eine Verbindung da, die es überhaupt nicht geben kann. Und doch hat Annie das Gefühl, dass es falsch wäre, diese traurige junge Frau jetzt allein zu lassen. Dass der Großvater die Kinder erst einmal mitnimmt, damit sie das Verschwinden des Hundes nicht sofort bemerken, ist eine sehr gute Idee. Aber Molly jetzt hier allein mit ihrem Kummer und der Sorge um den Hund?
Annie, dieselbe Annie, die immer geflüchtet ist, wenn sich Probleme abzuzeichnen begannen, Annie wirft Molly einen langen Blick zu und sagt: „Ich möchte gerne noch etwas bleiben, wenn ich darf. Ich spaziere dann später zu Fuß runter, es ist ja nicht weit.“
Freundlich lächelnd nickt Molly ihr zu. Spürt auch sie, dass es ihr gut tun wird, sich mit dieser Frau zu unterhalten? Stumm schauen sie dem Wagen nach, der Dermott und die Kinder zu einem lachenden Nachmittag mit der immer gut gelaunten Grandma bringen wird. Dann wendet sich Molly Annie zu.
„Darf ich Sie auf eine Tasse Tee einladen, Mrs. Weber? Mir wäre jetzt so danach…“
Und Annie, aus übervollem Herzen, stimmt freudig zu und meint gleich darauf: „Aber wollen wir nicht das förmliche Sie lassen? Ich bin Annie.“
„Sehr gerne, wir sind hier eigentlich überhaupt nicht so steif und förmlich, da passt das gut. Komm mit ins Haus!“
Dort klappert Molly mit Teekanne, Wasserkocher und den Teetassen, sucht und findet noch ein paar Scones.
„Tut mir leid, sie sind nicht frisch, sie sind von gestern, aber bestimmt noch lecker“, stellt Sahne und Zucker auf den Tisch und ist sichtlich froh, dass sie etwas zu tun hat. Endlich sitzen sich die beiden gemütlich gegenüber.
„Erzähl doch mal, du bist das erste Mal in Irland? Was hast du bisher schon gesehen und erlebt?“, fordert Molly auf.
„Ach, es war eigentlich alles sehr schön. Mit dem Flieger nach Dublin, es war mein erster Flug, war ganz schön aufregend. Dort wurde ich dann direkt von einem Mitarbeiter des Reiseunternehmens abgeholt und ins Hotel gebracht, toller Service, muss man schon sagen. Und am nächsten Tag ging die Tour los, erst mal Richtung Süden und nun zur Westküste. Aber ich hab nur die Touristen-Highlights gesehen. Ich hab das Gefühl, dass ich das wirkliche Irland gar nicht kenne. Drum bin ich ja heute einfach mal so ins Blaue gelaufen, weg von den anderen im Bus. Und da hab ich dein Eselchen gesehen. Das wollte unbedingt gestreichelt werden. Und das hat Flanni bemerkt und wollte wohl auch zu mir. Und da ist es passiert….“
Oh, Mist, denkt sie. Hätte ich nicht vom English Market in Cork erzählen können, von den phantastischen Klosterruinen in Glendalough, von den Wicklow Mountains, von der Bustour über den Ring of Kerry, vom atemberaubenden Ausblick am Ladies View… nein, ausgerechnet bei der Hundegeschichte musste ich anfangen. Sie könnte sich ohrfeigen, als wieder ein Schatten auf Mollys Gesicht fällt.
„Aber er scheint nicht so schlimm verletzt zu sein, jedenfalls hat der Doktor – ich glaube, Seamus heißt er – gesagt, er muss ihn erst mal röntgen, vielleicht ist ja gar nichts gebrochen….“
Traurig rührt Molly in ihrer Teetasse. „Ich hab´ halt immer nur Pech. Seit Ian nicht mehr da ist, hab´ ich immer nur Pech.“
Mitfühlend schaut Annie sie an und wartet taktvoll darauf, dass sie weiterspricht. Dass hier eine Tragödie passiert sein muss, ist ihr klar. Und wie um ihren Eindruck zu bestätigen, fällt ihr Blick auf ein Bild, das einen sympathisch wirkenden, lachenden jungen Mann zeigt. Das Bild steht auf dem Kaminsims und trägt einen Trauerflor. Annie beginnt zu begreifen, und fühlt, wie ihr innerlich kalt wird. Intuitiv streckt sie die Hand aus und nimmt Mollys Hand in die ihre.
„Wenn ich dir irgendwie helfen kann“, beginnt sie und merkt selbst, wie hohl ihre Worte klingen. Da gibt sie sich einen Ruck. „Weißt du, ich mach eigentlich hier keinen Urlaub. Es ist eher eine Art Flucht.“ Molly blickt sie nicht verstehend an. „Nach über 25 Jahren Ehe hat mein Mann plötzlich seine große Liebe zu der Freundin meiner Tochter entdeckt. Ich bin der Verlierer. Und da wollte ich nur noch weg.“ „Autsch“, meint Molly mitfühlend, „das ist bitter. Ja, manchmal hilft weglaufen. Ich kann halt nicht weg. Da sind die Kinder, da ist der Hof. Was soll werden, wenn ich abhaue? Glaub mir, ich denk´ auch oft daran, einfach alles hinzuschmeißen. Aber ich kann nicht.“
„Was ist denn passiert?“, fragt Annie, und hofft, dass ihre Frage nicht als aufdringlich empfunden wird. Aber Molly versteht sie richtig. Es ist nicht Neugier, die sie fragen lässt, sondern Mitgefühl.
„Ein Unfall. Vor vier Wochen. Ein dummer, törichter, überflüssiger Unfall. Und plötzlich ist alles anders.“ Sie steht auf, geht zum Kaminsims. „Er war ein guter Mensch. Ein bezaubernder Mann, ein Familienvater, für den es nichts Wichtigeres gab als mich und die Zwillinge. Er hat mit mir zusammen den Hof hier aufgebaut, weil ich schon als Kind davon träumte, einmal hier oben am Berg meinen eigenen Reitstall zu haben. Zu zweit hätten wir das auch alles geschafft. Aber allein…“, mutlos wendet sie sich von dem Bild ab, nicht ohne zärtlich über das Glas zu streichen.
„Kann dir denn niemand helfen? Dein Vater, deine Mutter, seine Familie?“ , fragt Annie. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, dass sie hier Fragen stellt, die sehr persönlich sind. Es ist einfach so, als ob sie diese unglückliche junge Frau schon seit Ewigkeiten kennt. Und sie möchte ihr so gerne helfen.
Sie denkt an ihre eigenen Kinder und fühlt sich mit fast schon mütterlichen Gefühlen zu Molly hingezogen.
„Ach“, erwidert diese gerade, „ die helfen schon, wo sie nur können. Aber Dad fährt immer noch jeden Tag hinaus, genau wie mein Bruder, und Mum hilft mir so gut sie kann, indem sie mir oft die Kinder abnimmt. Und er hatte keine Familie, er war ein Waisenkind. Das hat ihn immer belastet, er war so ein ausgesprochener Familienmensch. Darum hat er es ja auch so genossen, endlich seine eigene kleine Familie hier oben in unserem Nest am Berg zu haben. Wir waren so glücklich hier… Aber die Arbeit auf der Farm ist einfach zu viel für mich allein.“
„Kannst du denn keine Hilfe einstellen?“
Da lacht Molly trocken auf. Es ist ein freudloses Lachen. „Ich seh´ schon, du weißt nicht, was man hier für gute Leute zahlen muss. Pfeifen kann ich keine gebrauchen. Und gute Leute kann ich mir nicht leisten.“
Nach einer Pause wendet sie sich wieder zum Kaminsims und sagt leise: „Vermutlich werd´ ich doch alles verkaufen. Mit den Kindern runterziehen in die Stadt, zu Mum und Dad. Ich krieg ja ´ne kleine Witwenrente, das muss für uns reichen.“
Annie schweigt.
„Aber weißt du, warum ich nicht verkaufen kann?“, fragt Molly, die sich plötzlich zu ihr umdreht. „Ich kann nicht verkaufen, weil ich weiß, dass er es so nicht gewollt hätte. Klingt durchgeknallt, nicht? Aber ich weiß, dass er immer wollte, dass unsere Kinder hier oben aufwachsen. Hier auf unserem Hof. Das bin ich ihm schuldig.“
Und sie lässt sich auf einen Stuhl fallen, schlägt die Hände vor´s Gesicht und bricht in Tränen aus. Annie nimmt sie in die Arme, wiegt sie wie ein Kind. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Wie kann man einen solchen Kummer lindern?
Da fällt ihr ein, was ihre Großmutter immer gesagt hat. Alle bösen Dinge verlieren ihren Schrecken, wenn man etwas zu tun hat. Nicht stillsitzen und grübeln, aufstehen und etwas tun.
„Na“, sagt sie aufmunternd, „jetzt bin ich aber da und wir packen jetzt erst mal an. Du sagst, es ist so viel Arbeit. Dann zeig mir, was ich tun soll, und ich helf´ dir.“
Ungläubig blickt eine tränenüberströmte Molly zu ihr hoch. Der Anblick dieses tränenverschmierten, zarten Gesichtchens rührt Annie zutiefst und sie beschließt grimmig, jetzt und hier zu helfen, koste es, was es wolle. Nicht nur in diesem Augenblick, sondern mit allem, was in ihren Kräften steht.
„Also“, sagt sie munterer, als ihr zumute ist, „was liegt an? Ställe ausmisten? Gartenpflege? Haus putzen? Ich gebe zu, von Stallausmisten versteh ich nicht ganz so viel, aber auch wenn ich mich am Anfang dumm anstelle, ich werd´s bestimmt lernen können. Zeig mir einfach, was gemacht werden muss.“
„Aber – du hast Urlaub, du bist doch nicht zum Arbeiten hergekommen…“, wehrt Molly ab.
Energisch meint Annie. „Also, brauchst du nun Hilfe oder nicht?“
„Ja, sicher brauche ich Hilfe, aber das kann ich nicht annehmen.“
„Ach, Unsinn. Ich wollte heute Nachmittag so eine Delfinfahrt mitmachen, aber die läuft mir ja nicht weg. Die kann ich immer mal machen, wenn ich mal wieder nach Irland komme. Aber dir jetzt zu helfen, das ist wirklich wichtig!“
„Delfinfahrt?“, strahlt Molly plötzlich. „Mein Bruder macht Delfinfahrten. Oh, ja, wenn du mir heute helfen könntest, das wäre super, ich erwarte nämlich Reitgäste, und dann sag ich ihm, dass du morgen eine exklusive Delfinfahrt bekommst, so mit Am- Steuer-stehen-dürfen und so…“
„Na, das ist doch Klasse, das machen wir so“, lächelt Annie, wohl wissend, dass ihr Reisebus sie am morgigen Tag schon wieder weiter die Küste hinauf bringen wird. Egal. Heute möchte sie dieser unglücklichen jungen Frau helfen. Der Delfin wird schon auf sie warten.




Verkaufslink



Lesermeinung: Recht schnell nimmt die Handlung Fahrt auf und man begleitet Annie auf unterhaltsame und Mut machende Weise auf ihrer Reise zu sich selbst bis nach Irland. Der Roman ist voller wunderbarer Spannungsbögen und überraschenden Wendungen, er spielt mit Leichtigkeit mit den Auswüchsen des normalen Menschseins und was man daraus machen kann. Rückriegel schreibt mit viel Tier- und Menschenverstand auf eine wirklich erfrischende Art und Weise, spannend aber ohne zu viele Umschreibungen. Es wird wohl kaum einen Leser geben, der sich nicht in irgendeiner der Personen wiederfindet. Eine Vorlage, die es wert ist verfilmt zu werden.