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Buchvorstellung: "Hannya - Im Bann der Dämonin"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  16-09-2018 00:00 16-09-2018 00:00 335  Gelesen 335 Gelesen
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"Hannya – im Bann der Dämonin" Ein historisch-/mystischer Roman von Dieter R. Fuchs.



Die abenteuerliche Geschichte um eine geheimnisvolle Schnitzerei, ein Netsuke, lässt das alte Japan aufleben, so wie es wirklich war.

Während seines tausendjährigen Lebenslaufes geht das aus einem ganz besonderen Hirschgeweih geschnitzte Kleinod in vielerlei Gestalt durch unzählige Hände und die spannenden Geschehnisse um seine jeweiligen menschlichen Besitzer erzählen eindrucksvoll von den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, den Riten des uralten Shintō-Kultes und dem Buddhismus.

Ob Regent, Samurai, Schamanin, Händler, Künstler oder Mönch, niemand konnte sich der Magie dieses Objekts entziehen.
Auch jener alternde Mann in Nürnberg nicht, bei dem es schließlich in der Neuzeit landet, und der dessen Faszination genauso erliegt wie später die ihn betreuende Ärztin.

Bis man sich von diesem Bann wieder befreien möchte …



Leseprobe:



Prolog


Manchmal geschieht Unglaubliches

Also gemeint ist etwas wirklich Unglaubliches, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht nur etwas eher Unwahrscheinliches, irgendwie Überraschendes, nein, das würde bei unserer Geschichte hier zu kurz greifen. Was im Folgenden erzählt wird, stellt etwas so Unfassbares dar, dass es sich unserem Verstand vielleicht nicht wirklich erschließen will.
Zumindest bei streng vernunftorientierten Menschen nicht, zu denen die meisten von uns sich zählen möchten, stolz auf ihre Logik und Intelligenz. Was nicht heißen soll, dass kleine Fluchten in Fantasiewelten unverzeihlich seien, nein, ganz im Gegenteil, man kokettiert gerne mit solchen Extravaganzen. Aber es wird immer sorgsam zwischen »der Realität« und »dem Anderen« unterschieden. Grenzwanderungen zwischen diesen beiden Sphären gelten als gefährlich. Bereits der Versuch, den Graubereich dazwischen zu betreten oder gar zu verschieben, gilt in unserer Zeit als »verrückt« – was für ein entlarvender Begriff!
Sollten wir es nicht als reizvoll und bereichernd empfinden, uns einmal bewusst auf einen gedanklichen Ausflug ins geheimnisvolle Gespinst uralter Mythen und ihrer metaphysischen Zwischenwelten zu begeben und der Magie einfach ihren Lauf zu lassen? Gerade auch jener Magie, die von manchen Gegenständen ausgeht? Früher, in archaischen Kulturen, war dies ganz natürlich. Getragen von einer tief in uns verwurzelten Spiritualität und geistigen Freiheit. Beides Eigenschaften, die unter dem Druck religiöser und gesellschaftlicher Dogmen leider vielen abhanden gekommen sind. Aber zum Glück nicht allen.
Wer sich dem Zauber öffnet, jetzt, hier, auf den Spuren eines einzigartigen kleinen Kunstwerks, dem könnte sich die faszinierende Aura erschließen, welche dieses Artefakt und uns jenseits der nüchternen Wahrnehmung umgibt. Und die Fantasie lässt dann vielleicht manches erwachen, was Es in sich trägt.


Glücksfund


1985 in Nürnberg

Es sah nicht wirklich hübsch aus. Man hätte Es schon eher als merkwürdig bezeichnet. Und Es war klein. Kleiner sogar als die schwieligen Daumen jener zwei von Altersflecken bedeckten Hände, von denen Es nun schon eine ganze Weile bedächtig gedreht und fast zärtlich betastet wurde. Nicht dass Es dies spüren konnte – nein, das nicht. Schließlich war Es nur ein Ding, kein Wesen – und schon gar kein Lebewesen. Obwohl …
… so eine Art Lebensweg hatte Es durchaus – und was für einen!
Irgendwie schien dies auch jener Mensch zu spüren, dessen Fingerspitzen sich so intensiv mit ihm beschäftigten, als wollten sie aus seiner Oberfläche etwas herauslesen, etwas erspüren, was in ihm verborgen war.
Die graubraunen Augen, die zu diesen wettergegerbten und von lebenslanger, harter Arbeit gezeichneten Händen gehörten, wirkten müde, angestrengt, schienen aber nun, ganz auf Es konzentriert, etwas vom Feuer früherer Zeiten zurückzugewinnen. Sie begutachteten intensiv seine Form und ihnen entgingen selbst kleinste Details seiner Gestaltung nicht, obwohl die fleckigen Gläser der antiken Nickelbrille schon längst nicht mehr die nachlassende Sehschärfe ganz ausglichen. Es hatte die volle Aufmerksamkeit der wie hypnotisiert wirkenden Augen, seit der ältere Mann in seiner etwas antiquiert wirkenden Kleidung Es an diesem Freitag, dem vierten Oktober 1985, in dem kleinen Trödelladen in der Weißgerbergasse in Nürnberg entdeckt hatte.
So spontan, wie der hochgewachsene und rüstig wirkende Grauhaarige das Geschäft betreten hatte, so zielgerichtet leitete ihn im Inneren dann, nach einigen Minuten flüchtigen Umherschauens, irgendetwas intuitiv in den hinteren Bereich des schmalen, mit Krempel überladenen Raumes, hin zu einem von einer stockfleckigen, zusammengerollten Zeltplane halb verdeckten Regal. Dort im Halbdunkel schoben seine Hände wie fremdgesteuert in einer Blechkiste die oberste Schicht von Krimskrams zur Seite, mit welchem diese halb gefüllt war. Und da lag Es dann, inmitten von alten Trachten-Applikationen, Korkenziehergriffen, Rosetten und zahllosen Knöpfen, alles wie Es aus Geweih-Material gefertigt. Und entfaltete seine Magie, sobald er Es in Händen hielt.
Der Verstand, der zu diesen Augen und Händen gehörte, war inzwischen ebenfalls ganz auf Es konzentriert, allerdings auf sein Innerstes. Es war, als ginge von dem kleinen Gegenstand seines momentanen Interesses eine geheimnisvolle Wirkung aus, welche irgendetwas in ihm zum Schwingen brachte. Unwillkürlich blitzte der Gedanke auf, dass dieses kleine, seltsame Etwas in seinen Händen zu ihm sprechen wollte, und dass nicht er Es gefunden hatte, sondern Es ihn!
Es war etwa fünf Zentimeter groß und hatte die gedrungene Gestalt eines Menschen mit einem fratzenhaften Gesicht. Der plumpe Körper ging halslos in einen etwas überdimensionierten Kopf über, der so verstörend hässlich war, dass der Mann unwillkürlich an alpenländische Faschingslarven denken musste. Wie jene strahlte diese Figur eine heidnische, götzenhafte Aura aus. Sie war aus ungewöhnlich dunklem Hirschhorn geschnitzt, wie man an einigen stärker beriebenen Stellen erkennen konnte. Seine von zahllosen Berührungen menschlicher Hände fast seidig geglättete Oberfläche trug ansonsten eine ehrwürdige, von einer erfüllten Vergangenheit erzählende Patina. Den Begriff »Handschmeichler« hätte man mit keinem Objekt besser verständlich machen können als mit dieser den Tastsinn regelrecht zurückliebkosenden Miniaturskulptur.
Die Hände und Fingerspitzen konnten einfach nicht innehalten, mussten Es wie unter Zwang weiterdrehen und wenden, alle seine winzigen Ausformungen und Oberflächenstrukturen ertasten und genießen. Hierbei erwachte in dem Mann plötzlich eine alte Kindheitserinnerung. Er spürte förmlich, wie er im Herbst als Schüler vor mehr als einem halben Jahrhundert oft eine Kastanie in der Hosen- oder Jackentasche mit sich führte und dort gerne zwischen seinen Fingern wandern ließ, süchtig nach der unbeschreiblich wohltuenden Berührung.
In diese gefühlvolle Rückbesinnung mischten sich schließlich auch einige sachliche Erkenntnisse. Der Mann hatte Ähnliches schon gesehen, in Museen und Antiquitätengeschäften, aber vor allem auch auf Auktionen und in einem abgegriffenen, alten Bildband über asiatische Kunst, der zu Hause in seinem Bücherregal stand und in dem er regelmäßig schmökerte.
Es war ein Netsuke , das war eindeutig, die beiden Schnurlöcher im Rücken der Figur bewiesen es. Definitiv hielt er hier einen jener kunstvollen Gürtelknebel in Händen, welche Männer in Japan ab dem 17. Jahrhundert benutzten, um Alltagsgegenstände wie Pfeifenset, Tabaksbeutel oder Medizindose an der Kimono-Schärpe festzuklemmen. Die Kleidung besaß damals keine Taschen, sodass man sich damit behalf, alles Wichtige jeweils mit einer Kordel an der Hüfte zu tragen. Und damit diese Kordel, die unter der breiten Schärpe hindurchgeführt wurde, nicht wieder unabsichtlich herausrutschte, befestigte man an ihrem Ende einen solchen Knebel.
Ab dem 18. Jahrhundert, bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, entwickelte sich dieses praktische Kleidungsutensil zu einem eleganten Accessoire, von Schnitzmeistern aus edlen Hölzern, Elfenbein oder anderen wertvollen Materialien zu höchster künstlerischer Perfektion geführt. Während die Kriegerklasse der Samurai prächtige Waffen und Kleidung tragen durfte, war dies dem aufstrebenden Bürgertum verboten, sodass man Reichtum und Kunstsinnigkeit auf andere, dezente Weise zur Schau trug. Die Motive dieser Kleinkunst spiegelten bald die gesamte japanische Kultur in allen ihren Facetten wider. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich westliche Kleidung auch in Japan durchsetzte, begann der Niedergang der Netsuke-Tradition im Alltag – und ihr Aufstieg als wertvolle Antiquitäten und hochdotierte Sammlerobjekte für Museen und Liebhaber weltweit.
Auf welchen verschlungenen Wegen hatte es eine solche fernöstliche Kostbarkeit wohl hierher nach Nürnberg verschlagen? Welches Schicksal hatte sie schließlich in diesem Kramladen, unerkannt zwischen altem Ramsch und kitschigem Zierrat, stranden lassen?
All dies schoss dem Mann durch den Sinn, während er das kleine Kunstwerk weiter mit seinen Fingerkuppen und glänzenden, fast verklärt wirkenden Augen begutachtete. Dieses Netsuke könnte 250 Jahre alt sein, wenn nicht älter. Es war von archaisch-schlichter Form, ohne Schnörkel geschnitzt und nicht signiert. All dies sprach für frühes 18. Jahrhundert, wie er nun aufgrund seiner Erinnerungen an Vergleichsstücke in Auktionskatalogen schloss. Aber irgendetwas sagte dem Mann, dass das Material, aus dem ein Künstler dieses spezielle Netsuke einst schuf, älter sein musste, sehr viel älter. Es hatte eine fast mystische Ausstrahlung.
Dann traf der Mann eine Entscheidung. Er warf einen kurzen Blick auf seine Taschenuhr und erkannte, sichtlich erschrocken, dass er seinen Termin im Notariat kaum noch pünktlich erreichen konnte. Er hatte anscheinend fast eine halbe Stunde hier in diesem Laden verbracht, durch den er eigentlich nur kurz schlendern wollte. Der Mann war normalerweise nicht verträumt, stets konzentriert und korrekt, kam grundsätzlich nie zu spät, und dieses Treffen mit dem Notar war ihm besonders wichtig.
Er wollte seine Nachlassangelegenheiten schnellstmöglich geregelt wissen. Seit ihm vor einer Woche der Internist die Diagnose Lungenkrebs mitgeteilt hatte, war ihm bewusst, dass er diese Welt vielleicht bald verlassen würde. Nun fragte er sich umso konsternierter, wie ihm plötzlich so eine Nachlässigkeit passieren konnte. Hatte die Erkenntnis, sich dem Ende seines Lebenswegs zu nähern, ihn doch mehr aus der Bahn geworfen, als er sich eingestand?
Er fürchtete den Tod nicht, verstand diesen vielmehr als eine nicht unwillkommene Selbstverständlichkeit, obwohl jener im Alter von fünfundsechzig Jahren nun doch unerwartet früh an seine Tür klopfte. Aber er hatte mit dem Leben schon in so jungen Jahren und so oft gedanklich abgeschlossen und es war dennoch immer irgendwie weitergegangen, sodass er eher dankbar für die ihm geschenkte Zeit war und die Diagnose ihn nun nicht verbittern ließ. Natürlich würde er den Empfehlungen seines Arztes folgen und die Operation und Chemotherapie durchführen lassen. Alles Weitere würde sich dann ergeben, und er blickte all dem mit Gelassenheit und Würde entgegen.
Schon seit einigen Tagen sortierte er zu Hause persönliche Dinge aus, oft glücklich lächelnd, las ein letztes Mal alte, private Briefe und Dokumente, die ihn über viele Jahrzehnte begleitet hatten, und verbrannte sie hinterher im Kamin, ohne Wehmut. Er wollte seinen Erben alles geordnet überlassen und empfand eine tiefe Befriedigung, dass ihm dieser bewusste und selbstbestimmte Abschied vergönnt war.
Es war für ihn nun die Zeit des Loslassens, des sich von den Dingen Trennens, und es fiel ihm erstaunlich leicht. Aber dieses Netsuke änderte manches. Er wusste plötzlich tief im Inneren, dass er die Begegnung mit ihm nicht ungenutzt lassen durfte. Unwillkürlich schoss ihm der Gedanke an einen unverhofften »Glücksbringer« in den Sinn. Im nächsten Moment ärgerte er sich über seine Gefühlsduselei und wollte das kleine Etwas schon fast in die Kramkiste zurücklegen. Aber er konnte es nicht.
Sein Blick war wie gefesselt von dieser herrlichen, alten Schnitzerei. Sie musste unbedingt sein werden, obwohl er noch nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was für ein Wesen sie darstellte und auf was genau er hier gestoßen war. Aber dies war im Moment für ihn auch nicht von Bedeutung.
Er ging nach vorne, von wo ihn der Ladeninhaber die ganze Zeit unauffällig, aber aufmerksam beobachtet hatte. Jenem war der entschlossene, manchmal fast schon gierige Blick im Gesicht des Mannes nicht entgangen und er war sich sicher, dass der Kunde etwas gefunden hatte, wonach dieser schon lange suchte. Vermutlich war er ein Sammler, und das ließ auf einen guten Verkaufspreis hoffen. Der Mann sprach ihn nun dennoch eher unsicher und verhalten an, fast desinteressiert: »Grüß Gott, was ist das hier denn bitte?«
Der kleine Gegenstand wurde in die Hand des Verkäufers gelegt. Dieser schaute ihn sich kurz an und antwortete recht anbiedernd: »Holla, da haben Sie ja was Schönes gefunden! Respekt, Sie haben einen guten Blick fürs Außergewöhnliche. Das stammt wohl von einem besonders großen, sehr alten und seltenen Charivari . Ich sehe, Sie tragen Ihre Taschenuhr auch an einer Silberkette in der Weste, sind also ein Mann von Stil und mit Sinn für Traditionen, und angeblich soll sich das Charivari ja früher mal aus einer Uhrkette entwickelt haben. Aber zurück zu dieser schönen Figur: Sie kam erst letztes Jahr durch eine Nachlassauflösung aus dem Tegernseer Tal in meinen Laden. Ich kann Ihnen versichern, dass mir so ein ausgefallenes Anhängsel noch nie zuvor untergekommen ist, denn normalerweise sind ja nur Silbermünzen oder Medaillen, kleine Schmucksteine oder Tierteile wie Knochen, Krallen, oder Zähne an solchen Silberketten befestigt. Diese feine Schnitzerei hier aus Hirschhorn aber ist etwas ganz Besonderes. Sie stellt wohl eine der Perchten dar, also diese dämonischen Gestalten, in deren Verkleidung man seit Urzeiten die bösen Geister des Winters vertreibt. Vielleicht haben Sie ja auch mal so einen Perchtenlauf gesehen, dieses Brauchtum wird in den Rauhnächten der Nachweihnachtszeit noch mancherorts gepflegt.«
Mit diesen Worten war das Objekt, das gerade gleichermaßen anpreisend wie falsch beschrieben worden war, zurück in die Hand des Interessenten gewandert. Dieser ließ Es, scheinbar enttäuscht, nochmals kurz einige Drehungen in seinen Fingern vollführen und sagte dann eher zögerlich: »Ach so, schade, ich hatte gedacht, das sei vielleicht eine alte Schachfigur, in die später jemand, aus welchem Grund auch immer, ein Loch gebohrt hat. Ein Freund von mir sammelt historische Spielfiguren. Was soll das denn kosten?«
Das anschließende Feilschen folgte den üblichen Ritualen, mit denen sich beide Seiten einem Preis annäherten, bei dem schließlich jeder davon überzeugt war, den anderen über den Tisch gezogen zu haben. Für achtzig Mark wechselte Es den Besitzer, wurde in ein Stück Papier eingewickelt und verschwand in der Jackentasche des Käufers. Dieser hatte es nun plötzlich sehr eilig und trat angespannt, aber dennoch mit einem freundlichen Gruß aus dem Laden.
Draußen schritt der Mann trotz seiner kriegsbedingten Gehbehinderung zügig in Richtung Rathausplatz, die Gedanken seltsam verwirrt zwischen der soeben erworbenen Trouvaille und seinem Notartermin hin und her schwirrend. Er würde etwa fünfzehn Minuten zu spät kommen und das war ihm höchst unangenehm. Aber dennoch zauberte ein Griff in die Tasche und die Berührung des Netsuke ein verklärtes Lächeln auf sein in letzter Zeit stark gealtertes und von tiefen Schmerzfalten zerfurchtes Gesicht. Für den Bruchteil des vermutlichen, wahren Wertes hatte er einen geheimnisvollen Fund ergattert, der ihn plötzlich und unerwartet etwas Neues, ihn wirklich fröhlich Stimmendes erleben ließ. Angesichts seiner Situation kam ihm das irgendwie gleichermaßen verrückt wie auch schön vor. Er spürte, dass etwas Besonderes in sein Leben getreten war.
Dieses Hirschhorn-Netsuke hatte ihn auserwählt und ganz in seinen Bann gezogen. So wie Es dies schon seit Jahrhunderten mit den Menschen tat. Genauer gesagt: in anderer Gestalt sogar schon seit eintausend Jahren.


Ursprung eines Mythos


Vor tausend Jahren in Japan

Überall in den Bergdörfern des zentralen Waldgebirges der japanischen Hauptinsel Honshu würde man sich später an das Jahr tausendsiebzehn nach Christus, das damals dort »das Erste Jahr Kannin« genannt wurde, nur als das »Jahr der Weißen Eisgeister« erinnern. Bis zum Frühling würden jene die halbe Bevölkerung der Region dahingerafft haben.
Das Schicksal meinte es schon lange nicht mehr gut mit den Bauern in diesen Hochtälern. Im näheren Umfeld der Kaiserresidenz Heiankyo und der reichen Klöster um Nara kam das Volk unter deren Protektion halbwegs zurecht. Die in entfernteren Provinzen aufblühenden Güter des neuen, erstarkenden Landadels boten ihren Bauern ebenfalls Schutz und Überlebensraum, denn die Pacht war geringer als die Steuerlast der Zentralregierung. In den abgelegenen Bergdörfern hoch über der Yamato-Ebene jedoch litt man sowohl unter zahllosen herumvagabundierenden Kriegerhorden, die raubten und marodierten, als auch unter den kaiserlichen Steuereintreibern, die ihnen nach jeder Ernte zwei Drittel ihres Reises abforderten. Und in jenen Jahren war es für eines dieser Dörfer besonders hart gekommen.
Im letzten Spätherbst, als die Männer im Bergwald gerade in Fronarbeit Bauholz für eine neue Brücke schlugen, hatten durchreisende Yamabushi diesen Flecken heimgesucht und den Großteil der Reisvorräte und die letzten Hühner geraubt. Aus Wut, sonst nichts von Wert finden zu können, erschlugen sie den greisen Ortsältesten, schändeten vier junge Mädchen und zündeten schließlich auch noch den Vorratsspeicher samt den Gemüsevorräten an. Und mit dem verfrühten Kälteeinbruch ging es wenig später genauso unheilvoll weiter. Auch für die Menschen in der Behausung des Jägers.


Hunger

Die Familie drängte sich in der armseligen Hütte unter dem Rauchfang um die offene Feuerstelle, sich hieran und gegenseitig etwas wärmend. Alle hatten zwar zwischen die mehrfachen Schichten ihrer zerschlissenen Kleidung aus derbem Leinenstoff eine Lage Reisstroh gestopft, um sich vor der eisigen Kälte zu schützen, aber das Glitzern der Reifkristalle im unteren Bereich der Holzwände und einige zugefrorene Pfützen auf dem Stampflehmboden machten deutlich, wie tief die Temperatur in der Nacht trotz des kleinen Feuers gesunken war. Die sechs Menschen froren und hungerten, waren wie erstarrt vor Auszehrung, Kälte und Verzweiflung, denn die auch in normalen Wintern nicht üppigen Nahrungsvorräte waren bereits vor einem Monat zur Neige gegangen. Seit zwei Wochen hatten sie keinen Reis und keine Bohnen mehr, nur noch einen kleinen Rest Hirse und Gerste. Die Älteren aßen daher kaum noch etwas, um zumindest den Kindern eine Chance zum Überleben zu erhalten, und betäubten ihre eigenen knurrenden Mägen von Zeit zu Zeit mit einem besonderen Kräutersud. Man war an Entbehrung gewöhnt und kannte manche Rezeptur für solche Notsituationen.
Die ausgemergelte Frau des Hauses teilte auch an diesem Morgen den alten Eltern ihres Mannes ein wenig größere Rationen des dürftigen Mahls aus kleinen Gersteklößen und sauer-scharf eingelegtem Gemüse zu, so wie es die Sitte erforderte. Jene aber hatten längst ihren Lebensmut verloren und fütterten die drei geliebten Enkel mit einem Teil davon. Sie konnten es nicht ertragen, dass die Kleinen von Tag zu Tag schwächer wurden und nur noch wie dahinschwindende Schatten waren. Und bei den Nachbarn sah es nicht anders aus, keiner konnte dem anderen mehr helfen. Jeder kämpfte ums eigene Überleben und alle vermieden aus Scham bereits seit Tagen, sich weiterhin gegenseitig zu besuchen.
Aber dies wäre inzwischen sowieso kaum mehr möglich gewesen. Seit der vergangenen Nacht, als ein gewaltiger Schneesturm übers Tal gezogen war, konnten sie die hölzernen Schiebewände der Hütte nicht mehr öffnen, denn ein Eispanzer ummantelte alles. Draußen schienen sich die Schneeverwehungen auf der Wetterseite nun fast bis zum First aufzutürmen, wie sie durch die Ritzen zwischen den Brettern sehen konnten, als sie das zur Abdichtung hineingepresste Reisstroh an manchen Stellen herauskratzten. Nur so konnten sie sich in dem fensterlosen Gebäude ein Bild von der Situation machen. Wenn das Feuerholz bald zu Ende gehen würde, müssten sie das Dach mit seinen tönernen Ziegeln aufbrechen, um Nachschub zu suchen. Die Frau weinte still in sich hinein, dies vor den Kindern und Schwiegereltern verbergend, denn sie wusste nicht, ob sie hierfür dann noch genügend Kraft besäße.
Seit Monaten versank die Welt dieser bedauernswerten Menschen im schwer zugänglichen, von dichten Bergwäldern bedeckten Binnenland der Insel Honshu nun schon unter tiefem Schnee und die Menschen litten entsetzliche Not. Es war der härteste Winter seit Menschengedenken. In allen Behausungen ringsum spielten sich ähnliche Szenen des Elends ab wie in der Hütte des Jägers.
Dieser hatte seine Familie bereits vor einer Woche verlassen. In den umliegenden Wäldern konnte er jedoch, genau wie die anderen Männer des Dorfes auch, kein Wild mehr erspähen, nicht einmal eine einzige Fährte. Aber nur er wagte es schließlich, die ihnen vertrauten Jagdreviere zu verlassen und weiter in jene Urwälder einzudringen, die als heiliges Gebiet der Geisterwesen galten.
Und nur er verwarf auch die warnenden Worte der alten Dorf-Schamanin, die vor einem Monat kreischend davon abgeraten hatte, dem Aufruf der Meldereiter zu folgen und auf eine ganz besondere Jagd zu gehen. Es war nicht Gehorsam oder Pflichtbewusstsein, die ihn nun dennoch hierzu antrieben, es war die schiere Verzweiflung. Der Jäger hatte den Anblick seiner langsam verhungernden Eltern und Kinder nicht mehr ertragen können. Seine Frau war stark und zäh, sie würde es schaffen, die Familie noch eine Weile am Leben zu erhalten, bis er Nahrung nach Hause brachte. Es gab nur noch einen kleinen Vorrat an Gerste, getrockneten Kräutern und Pilzen, aber zur Not würden sie sich mit einem Sud aus Moos und Baumflechten behelfen. So wie auch er es jetzt schon zwei Tage lang tat, nachdem die letzten Hirsekuchen aufgebraucht waren, die seine Frau ihm eingepackt hatte.
Er hoffte, die Kami würden ihm gnädig sein, so wie sie ihn immer beschützt hatten, als er noch als Armbrustschütze seinen Wehrdienst in der Residenzstadt ableistete. Dieser Zeit verdankte er auch seinen wertvollsten Besitz, eine schwere Festungsarmbrust, deren Reichweite allen anderen Waffen seiner Zeit weit überlegen war. Nachdem der Kommandant ihn aus seinen Diensten freigegeben und ihm zum Lohn die alte Armbrust überlassen hatte, galt der kampferprobte Mann im Hochtal als bester Schütze und erfolgreichster Jäger. Sein Können würde ihn und die Seinen auch diesmal aus dieser fast ausweglosen Situation retten. Daran glaubte er fest, während er sich durch den Bergwald kämpfte.
Je höher er im Halbdunkel unter den riesigen Zedern und Buchen vordrang, umso schwieriger wurde es für ihn, im immer dichter werdenden Unterholz und Gestrüpp den Jagdschlitten hinter sich herzuschleppen. Neben einigen Fellen für sein Nachtlager und seiner Jagdausrüstung war der wichtigste Bestandteil der Ladung ein Sack mit Lockfutter. Er hatte es aus einem Außendepot in der Nähe einer Furt gestohlen, in dem Pferdeproviant für die Truppen des Herrschers versteckt war und das er noch aus seiner Dienstzeit kannte. Das würzige Wiesenstroh und die Rosskastanien, die er dort entnahm, würden ihn seinen Kopf kosten, wenn man ihm die Tat nachweisen könnte. Also verwischte er alle Spuren, die er und sein Schlitten in der Umgebung hinterlassen hatten, bestmöglich mittels eines Tannenzweiges und vertraute darauf, dass der dicht fallende Schnee den Rest besorgen würde.
Je tiefer er in den verbotenen Urwald eindrang, den noch kein Dorfbewohner jemals betreten hatte, umso unheimlicher wurde ihm. Die langen Flechten, die in bizarren, reifstarrenden Schleiern von den immer dichter stehenden Bäumen wie gespenstische weiße Bärte von Riesen herabhingen, waren wie letzte Warnungen, umzukehren. Aber er widerstand dem natürlichen Instinkt, dies zu tun, und erreichte schließlich nach einem weiteren Tag eine plötzlich sich vor ihm öffnende Lichtung inmitten dieser Bergwildnis.
Spürbar am Ende seiner Kräfte ließ er sich keuchend am Waldrand auf den Rücken fallen und sog mit blinzelnden Augen das durch die hier gelichteten Baumkronen fallende, grelle Sonnenlicht als ein Zeichen der Kami auf. Er spürte, dass er den rechten Ort gefunden hatte, und dies ließ eine seltsame Wärme durch seinen Körper strömen. Sogar der brennende Hunger schien plötzlich irgendwie gedämpft und neue Hoffnung stieg in ihm auf. Hier würde er sich auf die Lauer legen. Er beurteilte sorgfältig das Gelände, prüfte die Windrichtung und legte sich seine Jagdtaktik zurecht, bis es schließlich dämmerte. Während er dann rasch eine Schneehöhle hinter einem dichten Gebüsch aushob und sich darin ein weiteres Nachtlager zurechtmachte, flackerte wieder Zuversicht in ihm auf und er flehte die Waldgeister um ihren Segen an. Er musste erfolgreich sein, dies hier war die letzte Chance, das Leben der Seinen zu retten.
Zwei Tagesmärsche entfernt war man im weitläufigen Gebäudekomplex des Mandokoro, der Residenz des Fujiwara-Regenten im Nordosten der Kaiserstadt Heiankyo, auch sehr den Geisterwesen zugewandt, aber ganz andere Hoffnungen und ein ganz anderer Hunger bewegten dort die Menschen. Den Höflingen fehlte es an nichts, die Reisspeicher und Vorratskammern waren gut gefüllt und unzählige Bedienstete sorgten dafür, dass man hier von der Not draußen auf dem Land kaum etwas mitbekam. Also kreisten die Gedanken am Hofe weniger um die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, sondern mehr um geistige Erbauung und das Streben nach der Gunst der Kami.
Der Regent Fujiwara no Michinaga war seit Monaten ganz vom Entschluss beseelt, den seinen Familiengottheiten geweihten Kasuga Taisha Schrein prächtig auszubauen. Die Shintô-Priester dieser Kultstätte hatten ihm hierzu einige ganz besondere Vorschläge unterbreitet, mit welchen magischen Materialien man dies am wirkungsvollsten bewerkstelligen könne, und die Höflinge hatten sofort das Landvolk aufgerufen, ihrem Herrn Entsprechendes gegen Belohnung zu beschaffen. Fast nur noch hierum drehten sich die Gespräche in der Familien-Residenz der Fujiwara, denn bis zur Schneeschmelze sollte alles verfügbar sein, um im Frühjahr mit den Bauarbeiten und Weihezeremonien zu beginnen.
Wie im ganzen Land verlief das Leben auch in der Provinz Yamato in zwei völlig voneinander getrennten Welten, welche nichts miteinander gemein hatten.
Japan war in jener Zeit, abgesehen von einigen wenigen Residenzstädten, dünn besiedelt und bäuerlich-ländlich geprägt, ein Bürgertum existierte praktisch nicht. Kaiser und Hofadel herrschten unangefochten und führten ein vom einfachen Volk abgeschiedenes Leben. Mit der seit mehreren Jahrhunderten durch das höfische Staatswesen voller Begeisterung importierten und absorbierten Kultur aus China hatte sich auch der Buddhismus stark verbreitet, wenn auch alte shintôistische Traditionen weiter gepflegt wurden. Doch auch der neue Glaube mit seinen moralischen Grundsätzen verband nicht die strikt getrennten Gesellschaftsschichten, sondern vertiefte in mancher Hinsicht sogar die Kluft zwischen dem rechtlosen Landvolk und seinen verschwenderischen Herren in der Residenzstadt.
Bereits vor sechs Generationen war der Sitz des Kaisers von Nara in das einen Tagesmarsch davon entfernte Heiankyo verlegt worden und dies hatte eine langsame, aber stete Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Bergen mit sich gebracht. Während sich die engste Region um Nara im Umfeld der dort durch Schenkungen und Steuerfreiheit privilegierten Klöster und Schreine weiterentwickelte, versanken die etwas entfernteren Bergregionen noch mehr in Abgeschiedenheit und Armut. Immer wieder bedrohten Missernten, Naturkatastrophen und zunehmend auch neue Auflagen des mächtigen Hofadels selbst ihre bescheidensten Lebensgrundlagen.
Die einfachen Menschen hielten daher an alten Riten und Bräuchen fest, denn dies war der einzige Halt in ihrer gnadenlosen Welt. Die Ahnengeister, Naturgottheiten und mythologischen Fabelwesen aus den alten Überlieferungen waren ihnen näher als jene neuen Gottheiten aus China, welche die Obrigkeit ihnen aufzwingen wollte. Der uralte Shintô-Glaube war tief in ihnen verwurzelt und dessen Rituale gaben ihrem Alltag festen Halt.
Dagegen zu verstoßen, wäre diesen Menschen normalerweise niemals in den Sinn gekommen. Doch die Not in diesem Winter ließ manchmal sogar das Undenkbare geschehen.



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