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Buchvorstellung: "Großstadtvampire - Plötzlich Vampir"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  03-10-2018 17:00 03-10-2018 17:00 197  Gelesen 197 Gelesen
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"Großstadtvampire – Plötzlich Vampir" Das erste Prequel der Fantasy-Reihe von M.D. Schoppenhorst.



Im Oktober 1897 erlebt der Berliner Hilfsarbeiter Egon Kruse den schrecklichsten Tag seines jungen Lebens.
Erst macht seine geliebte Grete mit ihm Schluss, um einen Offizier zu heiraten. Dann überfällt ihn der Hausmeister der Mietskaserne und macht ihn zum Vampir. Unversehens ist sein bisheriges Leben beendet. Erwartet ihn nun die Ewigkeit?
Der Jungvampir lässt sein altes Leben noch nicht los. Ein letztes Mal will er Grete sehen, um sich von ihr zu verabschieden. Doch das ist ein gefährliches Unterfangen, denn nun begehrt er ihr Blut.

Wird er seiner Blutgier widerstehen?



Leseprobe:



Prolog

Egon Kruses Geist wand sich durch ein Meer unwirklicher Gedanken und Gefühle. Er durchpflügte Farben und Formen, die er nie gesehen hatte. Diese Empfindungen wurden von schrillen Tönen und sphärischer Musik begleitet. Doch da war noch mehr. Seine Halsbeuge schmerzte und fühlte sich feucht an. Sein Körper wurde kalt und schwach. Er trank etwas Lauwarmes, Kräftiges, versank in Ohnmacht und drehte sich zurück an die Oberfläche des Traumes, holte tief Luft und spürte einen Augenblick voll Euphorie, der von rasendem Durst abgelöst wurde. Er erwachte, schrie und kämpfte. Wogegen, das wusste er nicht. Die Gegenwart lag unter einem dicken Mantel, dicht gewebt aus Fasern der Ungewissheit. Ein weiterer süßer, fast kalter Trank stärkte ihn sofort. Die Schmerzen am Hals verschwanden und er verlor erneut das Bewusstsein.
Drei, vier oder hunderte Male wiederholten sich Ohnmacht, Aufwachen und Trinken. Schließlich hörte das Verwirrspiel auf, sein Verstand kehrte in die Wirklichkeit zurück. Er empfand eine seltsame Kombination aus geistiger Schwäche, körperlicher Stärke, Durst und Hunger. Doch der Gedanke an die Samstagskartoffelsuppe verursachte ihm Übelkeit. Seine Haut fühlte sich an wie die einer Leiche, sie war glatt und kalt. Es war stockdunkel, trotzdem konnte er seine nackten Hände sehen. Ein silberner Schimmer lag auf ihnen. Etwas von ihm entfernt leuchteten inmitten eines schwachen Glanzes zwei helle, runde Lichtflecken, beide mit schwarzem Loch in der Mitte. Er schaute genauer hin. Es waren Augen.
Ein schrecklicher Tag. Dieser 9. Oktober 1897 war für Egon Kruse das Gegenteil von einem gewöhnlichen Samstag. Das wusste er bereits, als er die Kneipe „Zum Kutschbock“ betrat. Im Gegensatz zu den vergangenen Sonnabenden setzte er sich hin, bestellte mehr als ein Bier und schwieg. Normalerweise unterhielt er Gustav, den Kneipier, mit Anekdoten von der Dombaustelle, auf der er sein Geld verdiente. „Prost!“, sagte der Wirt und stellte ein frisch gezapftes Bier vor Egon hin. „Mm“, brummte er, griff sich das Glas und leerte es halb mit einem Zug.
„Ejon, Jungchen, wat haste denn?“, erkundigte sich der dickbäuchige Gastwirt. „Dit is dein Drittet heute. Bist ja so stille. Is Mist passiert?“
„Kannste ma’ saren, Justav. Dreck, vadammter!“ Der junge Mann mit blonden Haaren, die bis über die Ohren reichten, schaute den väterlich wirkenden Kneipier traurig an. „Ick hab Grete verlor’n.“
„Ach Mensch, die süße Blonde, die imma den Sonnenschirm so zierlich trächt?“
„Ja.“
„Liebtse dir nich mehr?“
„Doch!“
„Na, denn isset ja jut.“
„Nee, jaanich.“ Egons Stimme hörte sich jämmerlich an. Er wischte sich den Mund ab, nachdem er sein Glas geleert hatte. Er hob es und sagte: „Noch eens!“
„Würklich? Junge, verträgste dit? Ick hab noch nie alebt, dassde mehr als een Bier jetrunken hast.“ „Justav, kümmere dir um deine Sachen. Ick sauf mir heute een an.“
„Du musstet wiss’n“, antwortete der Wirt.
„Ick bin nich wert, Grete zu heiraten, weeßte? Ihr Vata hat ’ne bessere Partie für se ausjemacht. Bald musse een Offizier der kaiserlichen Garde ehelichen. Mir lassen se ja garnich erst inne Garde, wa?“ Er nahm wieder einen großen Schluck. „Ick bin ja nur’n Hilfsabeita, weil die Eltern keen Lehrgeld zahlen könn’. Dis Leben is Scheiße. Noch eens!“ Egon knallte das Glas so schwungvoll auf den Tresen, dass Gustav zusammenzuckte. „Ick wünschte mir, dass ick een janz andret Leben hätte. Ackern, knappsen, wieda ackern, Samstach Kartoffelsuppe, inne Woche Kohl, Pellkatoff’ln mit Leinöl oder mal ’n Hering, wat is dit denn für’n Le’m? Wir ha’m ja jetze ’n Wassaklo uff’m Treppenabsatz, für den Luxus jibtet denn nüscht Ordentlichet zu fressen. Kacke Mann.“ Je höher Egons Blutalkoholspiegel stieg, desto mehr verfiel er ins Berlinern. Eine Art zu reden, die seine Eltern ablehnten. „Wir sind arm“, pflegte seine Mutter zu sagen, „aber wir sind keine Proleten!“
„Recht haste, Kerlchen“, antwortete der Wirt und reichte ihm sein Bier.
„’N Kaufhaus bau’n se jetze, wo so ville einfache Leute jewohnt ha’m. Ihr ooch, stümmt doch, wa? Dit is ’ne Schande!“
Am anderen Ende des Tresens meldete sich eine abgerissene Gestalt zu Wort. „Uns Arme könnse eben einfach rausschmeißen, wa? Imma ruff uff’t Schlümme!“
Ja, dachte Egon, eine Revolution brauchen wir. Aber bloß nichts sagen. Man weiß ja nie, wer zuhört. In den Knast wollte er nicht geraten.
„Und dit Kaufhaus is ooch nur für die reichen Säcke. Unsa eens lass’n se jaanich erst rin!“, ergänzte der Abgerissene.
Egon nickte und bemerkte, dass seine Umgebung zu schwanken begann und unscharf wirkte. Er riss erschrocken die Augen auf und stierte Gustav an.
„Jungchen, du bist besoff’n.“ Der Wirt lachte freundlich. „Dit haste nu davon. Halt dir ma’ jut am Stuhl feste, wa?“, ergänzte er ein wenig schadenfroh. „Dein Kopp würd dir morjen janz schön jroß vorkomm.“
Scheißejal, dachte Egon. Oh Mann. Jetze balina ick schon in mein’ Jedanken. So weit isset mit mir jekomm. Ach Grete … Er weinte lautlos und ohne Tränen zu vergießen. Schließlich war er kein Schlappschwanz. Er bedauerte Gretes Unglück und seines. Ihres war jedoch größer, das sah er ein. Er war wenigstens nicht gezwungen, mit einer Fremden zusammenzuleben und … Der Gedanke an das Verbotene, das sie im Keller getan hatten, machte ihn unglücklich. Würde es ihr mit dem Offizier auch gefallen? Niemals! Das Grübeln ermüdete ihn. Sein Kopf fiel auf den Tresen. Beinahe hätte er das Bierglas umgekippt. Er schreckte auf und hob es an den Mund, nahm den letzten Schluck und dachte. Grete, ich liebe … Mitten in seine trüben Gedanken platzte sein Vater, der ihn anschrie und am Ärmel aus der Kneipe schleifte. Was genau er brüllte, bekam er nicht mit. Er hörte nur „Geld“ und „Säufer“. Hilflos brummelte Egon: „Da ha’ ick die janze Woche für jeschuppat!“
„Prolet!“
Sein Vater trieb Egon vor sich die Treppen hoch in die immer feuchte Wohnung. In der Küche roch man abgekühlten Kohldunst und frisch gekalkte Wände. Vom Spiegel perlten dicke Tropfen ab und liefen die Wand hinunter. Es war warm, also wärmer als draußen. Immerhin. In der Nähe des Fensters, das auch beschlagen war, stand die Zinkbadewanne und wartete auf Egon. Sonst freute er sich auf das wöchentliche Bad, doch heute war das Wasser nur noch lau. Auf der Oberfläche schwammen unappetitliche Seifenreste. Alle hatten schon gebadet, sein kleiner Bruder, seine kleine Schwester, seine Mutter, Vater sowieso, der war immer der Erste. Normalerweise war Egon als Zweiter an der Reihe. Mit eingezogenem Kopf zog er sich aus und stieg in die Brühe. Nur kurz einmal abgeseift, abgespült und fertig. Mutter hatte ihm saubere Sachen herausgesucht, die er widerstrebend anzog. „Rasier dich!“, forderte sie ihn auf, doch er hatte keine Lust dazu. Ausgehen wollte er ohnehin nicht. So schüttelte er nur den Kopf und ahnte nicht, dass er es noch viele, viele Jahre lang bereuen würde, sich nicht rasiert zu haben. Es war seine Aufgabe, jeden Samstag die Sonntagsbutter und Milch für seine Geschwister zu holen. Er griff sich Milchkanne und Butterglas, trottete die vier Treppen hinunter, ging auf den Hof, nahm den Durchgang zum zweiten Hof, überquerte diesen und schimpfte wie immer auf Maiers Hofhund, der sofort zu kläffen begann, wenn er sich näherte. Heute war er besonders laut. Egon fragte sich, was anders war. Konnte doch nicht daran liegen, dass er ein stoppeliges Kinn hatte. Vielleicht spürt er, dass ich betrunken bin, dachte er.
Der Hausmeister, der den dritten Hof als Bauernhof nutzte, hatte wohl auch keine gute Laune. Er hatte eine Joppe an, die er um eine weite, tief über den Kopf gezogene Kapuze ergänzt hatte. Außerdem drehte er sein Gesicht weg, als er Egon einließ. Egons Gruß erwiderte er, aber die Worte klangen gezwungen: „Komm rein Junge, ich hab was Besonderes für dich.“
War eben ein blöder Tag heute – rundum. Er griff in seine Hosentasche und ließ die passenden Münzen für die Milch und die Butter in seine Hand gleiten. Es klimperte leise. Karl Maier atmete rau und krächzte: „Lass mal stecken Junge. Behalt dein Geld, hast Pech gehabt, hab ich gehört.“ Er öffnete die Tür zur Futterkammer. „Komm mal rein hier.“
Egon schüttelte verwundert den Kopf, aber trat durch die Tür in die dunkle Kammer. Nur ein Rest Licht vom Durchgang drang in den Raum. Es knarrte und auch dieser sachte Schein verlosch.
„Was …“, setzte Egon zu einer Frage an. Doch er kam nicht dazu, sie auszusprechen. Zwei blendend helle Lichtpunkte erschienen, fixierten ihn und im nächsten Augenblick traf ihn ein schwerer Schlag auf die Stirn. Unwillkürlich schloss er seine Augen. Wie eine heiße Welle brandete der Schmerz durch seinen Kopf. Er krümmte sich und stöhnte durch zusammengebissene Zähne, ihm war übel. Irgendwo versuchte er sich festzukrallen. Doch die Schwerkraft war stärker als er. Noch bevor er auf dem gestampften Lehmboden aufschlug, verlor er das Bewusstsein. Egon erwachte nach wilden Träumen aus seiner Ohnmacht. Er erblickte den silbern glänzenden Umriss von …?
„Wer sind Sie?“, krächzte er, sein Kehlkopf fühlte sich wie eingerostet an. „Was ist los? Ich fühl mich so …“ Ja, wie? „… seltsam. Wieso haben Sie mich niedergeschlagen?“
„Du bist von nun an mein Gefährte. Ich habe genug vom Alleinsein. Wir brauchen einander, wir sind eins in zwei Körpern“, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit. Was war das für eine Antwort?
„Und deshalb schlagen Sie mich nieder?“ Na, so ein Quatsch! „Wer auch immer Sie sind. Sie sind verrückt“, rief Egon, stand leicht wie ein Federchen auf und drängte Richtung Tür. Oh, er war stark! Nanu? Und er empfand heftige Wut und Aggression, wie er sie noch nie erlebt hatte. Er stürzte sich auf den Kerl und schlug ihm ins Gesicht, schubste und schob ihn zur Seite. Der Mann wehrte sich nicht. Nur einen kurzen Moment stieß ihm auf, dass er sich gerade völlig widersinnig benahm. Sollte er nicht einen Brummschädel haben und schwach sein, angeschlagen? Stattdessen fühlte er sich unverwundbar und sauer – so schrecklich wütend.
„Egon, lass uns reden, du musst wissen …“
„Ich muss nichts wissen, ich muss was es…“ Oh nein! Der Gedanke an Suppe war abscheulich und eigentlich … „was trinken. Ich komme um vor Durst.“
„Ja, das musst du. Ich helfe dir, du musst erst wis…“
Egon ließ ihn nicht ausreden und schob ihn von der Tür der engen Kammer weg, die der Mann mit seinem Körper verdeckte. Dauernd will er mir was erzählen, dachte Egon. „Was willst du Idiot eigentlich von mir? Du kannst froh sein, dass ich dich nicht zusammenschlage, so wie du es mit mir getan hast. Und jetzt muss ich was trinken. Gib mir was, das bist du mir schuldig!“
„Das ist nicht so einfach, denn du bist …“, versuchte Maier ihm zu erklären.
„Reden können wir immer noch“, brüllte Egon, riss die Tür auf und erreichte den Durchgang. Mann, war das hell hier draußen. Was will ich eigentlich hier, überlegte er. Eine Idee wie ein Blitz fuhr in seinen Kopf: Milch! „Wo hast du die Milch?“
Er rannte zu den Ställen auf dem dritten Hof. Eine Zinkkanne stand neben der Stalltür. Du meine Güte, wie der Kuhstall stinkt, dachte er. Das war ihm noch nie aufgefallen, die Küche und das Schwein rochen extrem intensiv, eigentlich alles, auch das Heu und der Gully. Die Kanne war fast voll. Doch als Egon die Kelle hineinhielt, die weiße Flüssigkeit witterte und anschaute, schüttelte es ihn. Das Zeug konnte er unmöglich trinken! Was war nur los mit ihm? Sonst hoffte er immer, etwas von der Milch für die Kinder abzubekommen, wieso fand er sie nun eklig? Welche Kinder eigentlich? Er fragte sich, ob er wirres Zeug träumte. Auf einmal war alles so anders, seine Wahrnehmung, seine Haut. Er erinnerte sich nicht mehr an … nur an den Schlag auf den Kopf und den hatte Karl Maier zu verantworten. Er rannte zurück zur Futterkammer, vor der der Kerl hockte. Egon stürzte sich auf den Mann und riss ihn am Kragen in die Höhe.
„Was hast du mit mir gemacht?“, fragte er. „Wieso sehe ich so komisch aus und warum möchte ich dir das Genick brechen und …“ Er verstummte, denn der Gedanke, den er beinahe ausgesprochen hätte, kam ihm ungeheuerlich vor: … dein Blut saufen. Ja, genau das wollte er. Entsetzt ließ er ihn fallen. Der Mann sackte wieder in sich zusammen.
„Das kannst du nicht. Ich kann nicht sterben, und du auch nicht mehr. Wir sind Vampire.“
Vampire …, fragte sich Egon. „Was sind Vampire?“
„Verwandelte Menschen, die von Blut leben und nie sterben. Wir sind den anderen überlegen, stärker, schneller als sie und sie können uns nur sehen, wenn wir es zulassen.“
„… von … Blut …?“ Egon verstand nichts mehr. So was hatte er noch nie gehört, nicht mal von … ? Er hatte das Bild einer schönen, blonden, lesenden Jungfrau vor Augen, aber an ihren Namen erinnerte er sich nicht.
„Ja …“, setzte der Kerl zu einer Antwort an, doch Egon hörte ihn nicht mehr.
Im nächsten Moment stand er draußen auf der Straße und rannte immer weiter, schnell wie – ja wie? – die Eisenbahn? Ach was, schneller! Die Häuser flogen nur so an ihm vorbei. Er war derartig fix in Charlottenburg, dass er nichts auf dem Weg erkannt hatte. Ziellos war er losgelaufen. Aber gut, nun war er hier. Vor ihm lag der Schlosspark, dort wollte er sich ausruhen, nachdenken, sich erinnern. Im Nu hatte er den Zaun überwunden und war allein im Park.
Er kletterte mühelos auf einen Baum. Was für ein seltsames Gefühl er empfand. Verwirrt war er, einsam und hilflos, aber schnell wie der Teufel, unverwundbar und stark. Gut, dass keine Menschen in der Nähe waren. Durst quälte ihn. Sein inneres Auge gaukelte ihm vor, wie der Lebenssaft aus der Halsschlagader einer wunderschönen Dame hervorquoll und er ihn von ihrem Busen ableckte. Tagträume, herrliche, schmerzhafte, schreckliche Träume, dachte er, und konnte nicht mehr anders als seinen luftigen Sitz zu verlassen, um Opfer zu suchen. Instinktiv handelte er wie ein Raubtier. Er spürte den Zwang, Menschen zu verletzen, um an ihr Blut zu gelangen. Rote Schleier trübten seinen Blick. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es stockdunkel war und er trotzdem alles wie am Tage sah – abgesehen von den seltsamen Schleiern. Die Eingeweide krochen wie Schlangen in seinem Bauch herum, krampften und folterten ihn. Rennen wollte er nicht mehr. Er fühlte sich erschöpft. Doch als er einen schwachen, aber köstlichen Duft witterte, der zu einem verschwitzten Mann gehörte, kehrten seine übermenschlichen Kräfte zurück. Wie ein Hund folgte er der Fährte mit in die Luft gereckter Nase. Die Gier trieb ihn zur Eile an. Es war ein Penner. Der süßliche Geruch seines ungewaschenen Körpers und der dreckigen Kleidung zog Egon magisch an. Der Mann hatte ein Einkaufsnetz bei sich, das mehrere Flaschen enthielt. Er bemühte sich, auf Egon zu über den Zaun zu steigen, was ihm unter ständigem Gebrabbel gelang. Sobald er sich wieder aufrichtete, packte der Vampir den Berber und hatte ihm so schnell das Genick gebrochen, dass er das Gefühl hatte, er habe es nur gedacht. Tierische Instinkte befahlen Egon, das Blut des Penners zu saufen. Doch wie sollte er das anstellen? Er roch Fusel und sah einen Fleck auf dem Boden, der sich ständig ausbreitete. Eine Flasche war zerbrochen. Im nächsten Augenblick hatte Egon eine Scherbe in der Hand und setzte sie am Hals des Toten an. Er hielt inne, obwohl die gierige Schlange in seinen Eingeweiden tobte und nach dem magischen Trank verlangte. Doch sein Gewissen brüllte: „Du hast ihn umgebracht, du kannst nicht auch noch sein Blut trinken! Das darfst du nicht.“ Das Untier zischte: „Du musst! Ich fresse dich sonst von innen auf.“ Seine gute Seele antwortete dem Ungeheuer: „Friss mich nur auf, dann hat dieser Albtraum ein Ende.“ Mehrmals führte die Gier mit unerbittlicher Kraft die Scherbe in seiner Rechten zum Hals des Penners und das Gewissen mit ähnlicher Intensität, aber größerer Ausdauer wieder von ihm weg. Schließlich packte er die Waffenhand mit seiner Linken und warf das jämmerliche Todeswerkzeug weg.
Der innere Widerstreit laugte ihn seelisch aus, deswegen versuchte er, ihn auszublenden. Nur einen willentlichen Gedanken ließ er zu: Lieber verhungern und verdursten, als Menschen auszusaugen und dem Tod zu überlassen. Er flüsterte: „Wir wollen doch mal sehen, ob ich wirklich nicht sterben kann.“ Wie betrunken, hin- und hergerissen vom Krieg in seiner Seele, kletterte er über den Zaun und wankte Richtung Schloßbrücke, setzte sich neben eine Baustellenabsperrung und versank unter Krämpfen in einen traumlosen Dämmerzustand.



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