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Buchvorstellung "Blutiges Familienerbe"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  28-06-2019 18:00 28-06-2019 18:00 315  Gelesen 315 Gelesen
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"Blutiges Familienerbe" Ein Kriminalthriller von Anja Verda.



Martina, eine Studentin, entdeckt in ihrem Elternhaus ein verborgenes Verlies. Ein verwunschenes Skalpell schickt sie in eine frühere Zeit, in der sie grauenvolle Morde miterlebt. Je öfter sie an diesen geheimnisumwobenen Ort reist, desto blutiger wird ihr Leben. Gefangen, in einem Strudel der Selbstzweifel und Mordlust, ist sie sich nicht sicher, ob sie ihr wahres Familienerbe antreten will.

Kann sie sich ihrem Vermächtnis erwehren? Kann ihre Freundin sie retten oder wird sie selber zur eiskalten Mörderin? Kommt es ganz anders und werden die Freundinnen ein perfektes Mörderduo?



Leseprobe:



Freudentaumel

Martina fand sich blutüberströmt in ihrem Keller wieder. Neben ihr stand ihre beste Freundin Clarissa und grinste sie schief an.
„Das hat eindeutig Spaß gemacht. Wir brauchen nur noch die Leichenteile zu entsorgen. Niemand wird je auf den Gedanken kommen, dass wir zwei schmächtige Fräuleins der Menschheit einen Gefallen getan und unliebsamen Mitbürgern eine Lektion erteilt haben.“
„So ganz stimmt das zwar nicht, aber du hast recht. Es hat Spaß gemacht“, konnte Martina nicht an sich halten.
„Hast du gesehen, wie er gezittert hat, als wir mit der Knochensäge kamen? Oder wie er losbrüllte? Wie ein Schwein am Spieß.“
Martina dachte an die letzten Stunden, während sie versuchte, sich das Blut von ihrer Plastikschürze zu reiben. Clarissa beobachtete Martinas ungeschickte Versuche, wobei sie eine geniale Idee überfiel.
„Weißt du, was wir uns für unsere nächsten Opfer unbedingt zulegen müssen? Diese Ganzkörperkondome“, sinnierte Clarissa vor sich hin.
„Diese was!?“
„Na du weißt schon, diese durchsichtigen Schutzanzüge, die die Polizei im Fernsehen trägt. Auf dem Rücken steht überdeutlich in schwarzen Buchstaben „Polizei“. Dann versauen wir uns unsere Kleider nicht mit Blut und Innereien.“
Bei diesen Gedanken schüttelte es Clarissa, da sie an ihre völlig ruinierte Hose dachte. Das Blut würde sie nie im Leben wieder rausbekommen. Doch vertrieb sie diese trüben Gedanken schnellstmöglich und dachte an die Zerlegung des menschlichen Körpers im Verlies zurück.
„Diese Show, die er veranstaltete, als er wie am Spieß brüllte und sich gegen die Fesseln stemmte. Wie er sich hin und her warf. Diese Manschetten aus stabilem Leder waren unser Schutz. Stell dir nur vor, er hätte sich losgerissen!“
Clarissa gelangte ins Schwärmen: „Das war eindeutig ein neues berauschendes Erlebnis, wenn nur sein nerviges Gejammer nicht gewesen wäre. Sogar durch den Knebel hörte ich überdeutlich seine erstickenden Schreie und dabei hatten wir noch gar nicht angefangen, sondern ihm nur erzählt, was wir mit ihm anstellen werden.“
„Das war wirklich ermüdend. Erst beleidigt er uns. Betitelt uns als Schlampen oder durchgeknallte Weiber und dann flennt er wie ein kleines verwöhntes Muttersöhnchen“, wandte Martina ein.
„Wenn eine Beziehung mit ihm genauso anstrengend war, verstehe ich, warum seine Bekanntschaften nie von langer Dauer waren.“
Verschwommen erlebte Clarissa das Gemetzel noch einmal und erinnerte sich nur zu gut an die Blutfontäne, die ihr ins Gesicht schoss.
„Bis zu unserem nächsten Kandidaten sollten wir unbedingt noch mehr Erfahrungen sammeln und uns mit der menschlichen Anatomie auseinandersetzen. Es war zwar erst unser zweiter heuchlerischer Lump, nichtsdestoweniger müssen wir bei unserer Arbeit unbedingt professioneller vorgehen. Denn das Blut, als wir die Arterie erwischten, spritzte bis zur Decke.“
„Und dir ins Nasenloch“, kicherte Martina. „Du standest wie eine Ballerina mit wehenden Händen da. Dieser Anblick war zum Schießen.“ Martina kullerte sich vor Lachen.
„Hahaha, lach du ruhig. Aber es war verflucht ekelig. Schau mich nur an. Von oben bis unten mit seinem Blut besudelt. Was für eine Sauerei."
Das Tuch in Clarissas Hand war blutgetränkt und noch immer befanden sich rote Punkte in ihrem Gesicht.
Martina, die der Meckerei ihrer Freundin nur noch mit halbem Ohr zuhörte, fügte vergnügt hinzu: „Hast du seinen Gesichtsausdruck gesehen, als du mit dem riesigen Nagel vor ihm standest und ihm den ins Knie jagen wolltest? Wie seine Augen aus den Augenhöhlen hervorquollen, kurz bevor er sich in seine Ohnmacht rettete. Wie ein Stück Holz kippte er einfach zur Seite und verabschiedete sich in seine Bewusstlosigkeit. Dabei hätte ich gern sein schmerverzerrtes Gesicht gesehen.“
„Oder als du mit der stumpfen Säge an seinen Mittelfinger anlegtest. Ich dachte, jetzt ist es aus mit ihm. Der Kerl verdrehte seine Augen, bis nur noch das Weiße sichtbar war und schon wieder wurde er ohnmächtig. Dabei wird doch behauptet, die Männer seien das starke Geschlecht. Heute haben wir eindeutig das Gegenteil bewiesen!“
Clarissa stöhnte freudig auf, als sie die Erinnerung daran übermannte.
„Es ist immer wieder interessant, wie die Herren der Schöpfung auf zwei toughe Mädels wie uns reagieren. Mannsbilder dürfen schlagen, erniedrigen und vergewaltigen. Doch sobald sich die weibliche Garde wehrt und Eigeninitiative entfaltet, schluchzen und klagen sie über ihr Leid. Zum Totlachen.“
Zynisch spie Martina ihre Worte hervor.
„Lieber nicht. Sonst muss ich deinen Körper auch noch zerstückeln und das würde unserer Freundschaft nicht gerade gut tun.“
Die Freundinnen schauten sich an und ihr schallendes Gelächter drang bis in den kleinsten Winkel des Hauses. Sogar die vom Blut angelockten Mäuse verkrochen sich erschrocken wieder in ihre Löcher.
Die frische Luft im Garten spülte ihre Gehirne frei, und nachdem sie ihre wohlverdiente Pause beendet hatten, machten sie sich daran, die Schweinerei im dunklen Verlies aufzuputzen.
„Ich hole das Bleichmittel und du kannst mit dem Eintüten seiner Überreste beginnen“, orderte Martina, während sie mit ihren blutverschmierten Stiefeln in den Keller stampfte.
Während die Freundinnen das Verlies säuberten, kam Clarissa auf ein Thema zu sprechen, das ihr schon lange im Kopf umhergeisterte.
„Sag mal Martina, wie bist du eigentlich hinter das Geheimnis dieses Raumes gekommen? Schließlich waren wir als Kinder unzählige Male in diesem Keller, dieses Mörderverlies jedoch haben wir nie entdeckt!“
„Wir säubern zuerst alles, bestellen uns etwas zu essen und dann machen wir uns ein paar gemütliche Stunden, in denen ich dir haarklein berichten kann, wie ich auf diese Tür gestoßen bin.“
Martina grinste ihre Freundin vielversprechend an.
Einige Stunden später saßen sie geduscht auf der Terrasse und Martina erzählte ihrer Freundin die beste Story ihres Lebens.

Zeitreise

Martinas Elternhaus glich einer kleinen Villa und befand sich seit längerer Zeit in Familienbesitz. Es wurde im späten achtzehnten Jahrhundert erbaut, zu einer Zeit, in der noch keine modernen Bagger, Hebebühnen und Maschinen die Arbeit erleichterten. Der erste Besitzer hatte es mit seinem eigenen Schweiß und Blut erbaut und seine dunkelsten Geheimnisse darin vermauert.
Geheimnisse, die von Martina entdeckt wurden.
Es war ein Keller im Keller. Ein dunkles Verlies mit vielen unterschiedlichen Apparaturen und Möbeln. Viele dieser Schränke, Reagenzgläser und Chemikalien waren mit jahrelangem Staub behaftet. Jahrzehnte waren sie verborgen gewesen. Verborgen in der Abgeschiedenheit eines dunklen Winkels dieses Hauses. Die Entdeckerin war sich zuerst nicht sicher, ob dieser mysteriöse Raum früher ein geheimes Chemielabor oder als eine Art Folterkeller für unbemerkte Experimente an Menschen errichtet wurde.
Die damalige Rechtslage war eher problematisch und der Unterschied zwischen Arm und Reich gravierend. Niemanden interessierte es, ob ein paar Obdachlose, Herumlungernde oder Prostituierte vermisst wurden. Es gab zu viele von ihnen.
Seinerzeit befand sich die Medizin mit ihren Erkenntnissen noch in den Anfangsstadien. Alles war im Auf- beziehungsweise Umbruch und es war nicht verwunderlich, dass vieles im Verborgenen geschah. Es war der Beginn einer neuen, schnelleren und moderneren Zeit, die erst in ihren Kinderschuhen steckte. Die technischen Entwicklungen führten zu neuen Möglichkeiten. Die Eisenbahn zu schnelleren Transportwegen und die Telegrafie übermittelte Nachrichten schneller. Wie überall, wenn bedeutende Umwandlungen vollzogen wurden, blieben dabei Teile der Bevölkerung auf der Strecke. Diejenigen, die mit den neuesten Praktiken und Techniken nicht Schritthalten konnten, fielen unter die Armutsgrenze und mussten sich mit illegalen und gefährlichen Machenschaften ihr Einkommen erwerben. Und genau in jener Zeit des Umschwungs entwickelte ein einziger Mann einen Plan.
Es war ein mörderischer Plan. Erdacht, um zu helfen und seine Bedürfnisse an Gewalt zu stillen. Er erklärte, dass seine geheimen Machenschaften im Namen der Menschlichkeit stünden. Was auch in jener Zeit nicht ohne Risiken verbunden war und er deshalb seine Tätigkeiten im Geheimen handhabte.
Dieser geheimnisvolle Mann erwarb ein Grundstück zu einem erschwinglichen Preis, da die Inflation sich noch nicht auf die Grundstückspreise ausgewirkt hatte. Mithilfe eines befreundeten Baumeisters entwarf er die Pläne seines Hauses. Eines Hauses, das ganz auf die Wünsche und Bedürfnisse dieses einen Mannes zugeschnitten wurde. Es sollte nicht zu groß werden, jedoch ausreichend Platz für ihn und seine Bediensteten bieten. In den Plänen wurde der Grundriss des Hauses dargestellt. Ein entscheidender, wenn nicht sogar für den Besitzer der entschiedenste Teil, blieb dem Baumeister jedoch verborgen. Das Gemäuer besaß einen großen geräumigen Keller, der in verschiedene Räume unterteilt war. Was jedoch niemand wusste, war, dass es noch einen weiteren Raum gab: ein unterirdisches Verlies. Der ans Haus angrenzende Garten wurde dafür unterhöhlt und mit dicken und stabilen Wänden versehen. Der einzige Einlass in diese dunkle Höhle bestand aus einer Geheimtür im Keller. Das Haus, das in der Nähe eines Flusses erbaut wurde, wurde in weiser Voraussicht mit unterirdischen Wasserrohren ausgestattet, die im Laufe der Jahre erneuert und ausgebessert wurden. Mithilfe eines ausgeklügelten Systems gelang es dem Besitzer, sich das Flusswasser zunutze zu machen. Er legte sich eine geheime Wasserleitung, die direkt ins Verlies führte, sodass ihm dieses flüssige Gold für seine verborgenen Experimente stets ausreichend zur Verfügung stand.
Im gesamten Erdgeschoss wohnte der Herr des Hauses. Das Parterre bestand aus zwei Räumen, einer geräumigen Küche, einem Badebereich und einem erkerförmigen Einlass. Dieser Eingang unterteilte das Erdgeschoss und bot den Blick auf eine geschwungene hölzerne Treppe. In einer der Räumlichkeiten, die gleichzeitig als Büro und Bibliothek diente, bewahrte der Hausherr seine Unterlagen und Bücher auf. Inmitten dieses Raumes stand ein alter, aus Eiche gebauter Sekretär, an dem der geheimnisvolle Herr seine gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse niederschrieb. Auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges wohnte der junge Mann. Er hatte sich diesen Bereich praktisch eingerichtet und verzichtete auf jeglichen Wohlstand in diesem Raum. Er diente ihm ausschließlich für sein leibliches Wohl, um ihm Essen, Trinken und die Nachtruhe zu gewähren.
Das obere Stockwerk wurde anfangs nicht bewohnt und wurde in den ersten Jahren als Unterschlupf von Mäusen und verirrten Vögeln beansprucht. Eine kleine Kammer diente später einem Butler zum Logieren. In der Zeit seiner großen Forschung verlieh dem jungen Mann das leise Getrippel von Mäusefüßen auf dem hölzernen Boden die gewünschte Atmosphäre zum Schreiben und zur Analyse seiner gewonnenen Kenntnisse.
Nach der endgültigen Fertigstellung seines Hauses, die sich über Jahre erstreckte, verpflichtete er einen loyalen Butler, der ihm und seinen Ideen die nötige Ruhe verschaffen sollte. Seinen geheimen Kerker im Keller richtete er sich nach seinen eigenen Wünschen ein. Niemand, nicht einmal der treue Butler durfte diese Räumlichkeiten betreten.
Ein alter hölzerner Operationstisch mit abnehmbarer Holzplatte befand sich in der Mitte des Verlieses. In einer Ecke stand ein alter hölzerner Stuhl mit Riemen und Schnallen versehen. Der gesamte Kerker war mit unbequemen Gerätschaften und Fesseln ausgestattet. Die chirurgischen Instrumente, die dieser Mann heimlich auf einem Schwarzmarkt erwarb, lagen ordentlich gesäubert auf einem silbernen Tablett auf dem Buffet. Griffbereit und in der Nähe des Operationstisches.
Auf der anderen Seite des Verlieses waren eiserne Fesseln in die Decke und in den Boden eingelassen. Als er einen letzten abschließenden Blick durch sein unterirdisches Verlies gleiten ließ, war er zufrieden und endlich, nach jahrelanger Vorbereitung, konnte er sich auf sein eigentliches Vorhaben konzentrieren. Ein Vorhaben, das kaum ein Mensch ertragen würde.

Martina

Martina, eine junge Studentin, war eine leidenschaftliche Sammlerin. Seit Kindertagen war sie eine begeisterte Liebhaberin von alten Gegenständen und mit ihren gerade mal einundzwanzig Jahren hatte sie bereits Unmengen von Antiquitäten erworben. Unter ihren Schätzen befanden sich Bilder, Petroleumlampen, einige rigoros beschlagene Spiegel, diverse Möbel sowie eine alte verrostete Sense und andere oxidierten Werkzeuge aus dem späten 18. und dem frühen 19. Jahrhundert. Puppen, Comicfiguren und Kinderbücher aus ihrer eigenen Kindheit behielt sie ebenso wie ihr erstes Fahrrad oder ihr erstes Paar Babyschuhe. Sie liebte das Alte und Gebrauchte. Es gab ihr einen Hauch von Abenteuer aus einer längst vergangenen harten und rauen Zeit.
Ihre Faszination für Vergangenes spiegelte sich auch in ihrem Studium wieder. Mit hingebungsvoller Leidenschaft studierte Martina Geschichte. Das Wissen der Entwicklung der Menschheit bis hin zur heutigen Epoche empfand Martina berauschend. Die Eroberung der Kontinente faszinierte sie ebenso, wie die ersten Erfindungen der Menschheit. Martinas Neugierde kannte keine Grenzen.
Trotz ihrer Vorliebe für Altertümer und der Altkunst war Martina eine lebensfrohe und abenteuerlustige junge Frau. Sie erfreute sich am Leben, vergnügte sich auf Partys und lernte genauso hart für ihr Examen wie ihre Kommilitonen. Über die Zeit nach der Uni machte sie sich noch keine Gedanken, aber ein Leben als brave Mutter und Ehefrau fand sie gruselig und abstoßend. Zu gerne wollte sie auf Entdeckungsreise gehen, sich an antiken Ausgrabungen beteiligen und die Welt erkunden.
Ihr erstes Jahr als Geschichtsstudentin war die größte Herausforderung ihres bisher wohlbehüteten Lebens. Auf tragische Weise verlor sie ihre Eltern, die beim Absturz mit ihrem Leichtflugzeug, einer Piper - PA 28, verunglückten. Mit gerade mal zwanzig Jahren, erbte Martina das gesamte Vermögen ihrer Eltern.
Das Unglück ereignete sich auf dem Heimflug aus ihrem sonnigen Urlaub am Lago Maggiore. Braungebrannt und gut gelaunt saßen Martinas Eltern sowie ein befreundetes Ehepaar in der kleinen Maschine und vergnügten sich bei einer wolkenlosen Aussicht aus luftiger Höhe. Alexander Schwarz, Martinas Vater und erfahrener Pilot, steuerte das Flugzeug ruhig über die bergige Landschaft. Aus heiterem Himmel begann die Maschine zu stottern und Alexander, obgleich er ein routinierter Flugzeugführer war, hatte gravierende Probleme den einmotorigen Flieger auf Kurs zu halten.
„Was ist das!“, murmelte er aufgebracht in seinen nicht vorhandenen Bart. Schlagartig veränderte sich die ausgelassene Stimmung an Bord. Angespannt saß Martinas Vater im Cockpit und versuchte, das Flugzeug ruhig zu halten, was ihm eher schlecht als recht gelang. Die kleine Maschine ruckelte und zuckte, bis der Motor sich mit einem leisen Zischen von seiner Betriebsamkeit verabschiedete. Zu viert starrten sie mit angstgeweiteten Augen auf die kleine schwarze Rauchfahne, die sich hinter den Propellern hinauf kräuselte.
Karin jammerte geräuschvoll auf und schrie Alexander an: „Unternimm etwas, ich will nicht sterben!“
Ihre zitternde Stimme erstarb schlagartig, als ihr Mann Peter, sie tröstend in die Arme nahm. Geschockt saßen sie in ihren Sitzen und schauten der Rauchfahne hinterher, die sich ihren Weg in den sonnigen Himmel hinauf fädelte. Jeglicher Versuch von Alexander, den Motor erneut zu starten, um zumindest den in der Nähe gelegenen Flughafen anzufliegen, scheiterte kläglich. Martinas Mutter, Sandra von Burghof, und das befreundete Ehepaar sahen bestürzt, wie die kleine Rauchfahne sich in eine dicke schwarze Wolke verwandelte. Die ersten rotgoldenen Funken bahnten sich ihren Weg in den Himmel und der Motor wurde regelrecht von einer Flammenwalze überrollt. Verzweifelt tauschten sie ihre letzten Blicke, ehe ihr schreckliches Todesurteil besiegelt wurde.
Mit starren Augen und Mündern, zum letzten verzweifelten Schrei geöffnet, wurden ihre Leiber von dem heißen Inferno erfasst. Ihr kleines Flugzeug stürzte lichterloh brennend über einem unzugänglichen Berggipfel ab.
Wochenlang suchten Rettungsmannschaften kräftezehrend nach dem Leichtflugzeug. Verkohlte Wrackteile und die Blackbox besiegelten das traurige Ende der Untersuchung. Von den Leichnamen fehlte jedoch weiterhin jede Spur.
Martina, die den Verlust ihrer Eltern nur schwer verkraftete, war als Alleinerbin und Studierende mit der Hinterlassenschaft überfordert. Sie verkaufte die Baufirma an den Geschäftspartner ihres Vaters und veräußerte die Mehrfamilienhäuser der alteingesessenen Familie. Ihr elterliches Anwesen mit fünf Hektar großer Grünfläche, einem uralten, zweistöckigen Gebäude mit einem Erker als Eingang wollte sie jedoch nicht auf dem Immobilienmarkt darbieten.
Sie hatte die Wahl, in dem elterlichen Anwesen oder ihrem Appartement in dem einzigen Wohnhaus, das sie nicht verkaufte, zu wohnen. Ihre Wohnung, die sie während ihrer Studienzeit nutzte, wirkte beruhigend während dieser schwierigen Phase, in der sie ihr Leben neu ordnete. Die oberste vierte Etage nannte Martina ihr Eigen und sie hatte sie nach ihren persönlichen Wünschen umgebaut. Dies war ihr erstes privates Reich, vollgestopft mit Antiquitäten des frühen 19. Jahrhunderts, schweren Möbeln dieser Ära und vielen kleinen und lieb gewonnenen Artikeln aus jener Zeit. Den dazugehörigen geräumigen Keller hatte die junge Studentin ebenfalls mit allerlei Plunder überfüllt. Ihr Keller, ihre Wohnung und ihr Elternhaus waren bis unter die Decke mit diesen Gebrauchsgegenständen aus vergangenen Tagen übersät. Inzwischen führte nur noch ein fußbreiter Weg durch das Labyrinth ihres Kellerverschlages im Wohngebäude. Ebenso sah es im elterlichen Haus aus. Während Martina diese Gegenstände als liebegewonnene Fundstücke betrachtete, erfreuten sich große und kleine Spinnen sowie Nagetiere an diesem Sammelsurium einer längst vergangenen Zeit.
In ihren Semesterferien wollte Martina ihr lang gegebenes Versprechen einhalten. Sie entrümpelte und entsorgte viele liebgewonnen Gegenstände in ihrer Wohnung und ihrem Keller, ehe sie sich dem elterlichen Haus zuwandte.
Sichtlich angespornt durch die körperliche Arbeit, nahm sich Martina in den darauffolgenden Tagen ihr Elternhaus vor. Vom Speicher bis zum Keller entrümpelte sie alle unnötigen Dinge, wobei sie angeekelt, sich immer wieder in den ekligen Spinnennetzen verfing. Ihre Eltern wären stolz auf sie gewesen. Wie oft haben sie ihr in den Ohren gelegen, dass sie endlich den Müll aussortieren und sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren sollte. Schließlich hatte sie ihr jahrelanges Versprechen eingelöst, zum großen Leidwesen Martinas, erlebten ihre Eltern es nicht mehr.
Nach tagelanger, anstrengender Arbeit lehnte sie sich entkräftet an die kühle, steinerne Mauer im Keller im Anwesen, trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und betrachtete eingehend ihr Werk. Ein leises, nicht einzuordnendes Klicken riss sie aus ihrem erschöpften Zustand. Um dem Auslöser dieses Geräusches auf die Schliche zu kommen, untersuchte Martina fachmännisch das jahrhundertealte Gemäuer.
In der vierten Reihe von unten, wo sie mit ihrem kleinen Hinterteil anlehnte, befand sich eine winzige Öffnung. Sie war nur Fingerbreit groß, kaum erkennbar und doch war sie vorhanden. Ungläubig stand Martina davor und musterte dieses kleine Loch. Vorsichtig, beinahe zaghaft, tastete sie zuerst die umliegenden Steine ab. Martina konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Sie versuchte, den Stein herauszuziehen, was ihr nicht gelingen wollte. Also drückte sie den Stein ein winziges Stück hinein und augenblicklich erklang ein erneutes, leises Klicken, und die Öffnung entpuppte sich als eine handgroße Lücke. Sie war gerade breit genug, um mit der Hand durchzugreifen, was Martinas Neugierde noch mehr anstachelte. Vorsichtig griff sie hinein. Tastete mit den Fingern den linken Bereich hinter dem Stein ab. Doch fand sie nichts Greifbares in unmittelbarer Nähe. Langsam vollführte ihre Hand eine hundertachtzig Grad Drehung, bis ihre Finger an einer rauen Stelle verharrten. Überdeutlich spürte sie in dieser Sekunde ein Kribbeln auf ihrem Handrücken. Mit einem leisen Aufschrei zog sie eilends ihre Hand durch den schmalen Spalt. Der Anblick, der sich ihr bot, entlockte Martina einen lang gezogenen schrillen Schrei.
Auf ihrem Handrücken saß eine große schwarze Spinne, deren gelbliche Augen Martina durchdringend musterten. Die Spinne, oder besser die Mutter aller Spinnen, denn sie war genauso groß wie Martinas Handrücken, kletterte ohne größeres Interesse an ihrem Störenfried behände in ihr Versteck zurück.
Martina, deren Knie weich wie Schwabbelpudding waren und deren Herz wild raste, ließ sich angeekelt von diesem haarigen Tier auf den erstbesten Karton fallen und beobachtete misstrauisch den kleinen Schlitz in der Mauer. Fieberhaft überlegte sie, wie sie die Lücke verschließen konnte, ohne mit dieser übergroßen, ekelerregenden Spinne erneut in Kontakt zu kommen. Es wollte ihr absolut nichts Brauchbares einfallen, während sie ihren Blick nicht von diesem lockeren Stein loseisen konnte. Minutenlang starrte sie verbissen auf eben diesen handbreiten Spalt, ohne dass etwas nennenswertes passierte. Während sie dasaß und eine kahle Mauer anstarrte, gewann ihre unbändige Neugierde langsam erneut die Oberhand. Schnell schaute sie sich im Keller um und entdeckte unter Papieren und Holzstücken ein altes Bettlaken. Mit ihren Zähnen zerriss sie das mürbe Betttuch und wickelte sich einen kleineren Teil um die Hand. Schützend ausgestattet wollte Martina erneut ihr Glück probieren und den losen Stein bewegen.
Überaus vorsichtig bewegte sie ihre Hand in der Maueröffnung. Zu Martinas Glück muss diese überdimensional große Spinne sich einen anderen Ort der Ruhe gesucht haben. Martinas Fantasie jedoch trieb sie beinahe in den Wahnsinn. Vor ihrem geistigen Auge sah sie überdeutlich, wie sich ihre Hand in einem metergroßen Spinnennetz verfing. Ihrer tiefsten Überzeugung nach, besitzt eine riesige Spinne, auch ein riesiges Spinnennetz. Sie malte sich aus, wie sich ihre Finger wie kleine Fliegen in dem überdimensionalen Spinnennetz festhakten und von dem behaarten Tier angeknabbert wurden. Sie wollte ihre Hand schon wieder heraus ziehen, als sie endlich einen harten Gegenstand ertastete. Geschickt versuchte Martina an der festen Substanz zu ziehen, zu drehen, zu drücken und zu schieben. Bei ihrem letzten Versuch schallte durch die Kellerräume ein dreimal lauteres Klicken und dort, wo sich die kleine Lücke mit dem losen Stein befand, öffnete sich mit einem dumpfen Geräusch eine mannshohe Tür spaltbreit. Durch die wenige Zentimeter geöffnete Tür erhaschte Martina einen Blick in ein dunkles Loch.
„Wie lässt du dich zur völligen Breite öffnen?“
Weiße Rauchschwaden erfüllten den Spalt mit ihrem Atem, aus dem eine eisige Kälte heraus strömte. Ernüchtert stand Martina vor diesem handdünnen Spalt und schaute sich die dahinter verborgene Verriegelung genauer an. Zu ihrer Verblüffung entdeckte sie einen einfachen, jedoch wirkungsvollen Mechanismus. Es war lediglich ein kleiner Bronzekasten, der beim Betätigen des Schiebers auf die Klinke fiel und somit die Tür vollends öffnete, was das dumpfe Geräusch des Fallens erklärte. Leicht wie eine Feder schwang die Tür auf, als Martina daran zog.
Verwundert und mit offenem Mund stand sie vor einem dunklen Verlies. Überdeutlich klappten ihre Zähne aufeinander, als sie ihren Rachen schloss. Mit Argusaugen versuchte Martina die Finsternis zu durchdringen. Stets auf der Suche nach der kolossalen Spinne oder anderem Getier, das hier lauern könnte.
Die Minuten verstrichen und nichts regte sich in diesen dunklen Gemäuern. Mit ihrem Handy bewaffnet setzte Martina erste zaghafte Schritte in die tiefschwarze Dunkelheit, die jede kindliche Vorfreude auf ein großes Geheimnis verschluckte.
Mit einem Klick hatte sie die Taschenlampe auf ihrem Handy aktiviert. Der starke Lichtstrahl durchbohrte die Dunkelheit und gab einen schmalen Blick auf den verlassenen Raum frei. Beängstigend und zugleich erwartungsvoll schlich sich Martina Zentimeter für Zentimeter in den geheimnisvollen Raum. Im Schein ihres Handys begutachtete sie voller Staunen das zurückgebliebene Inventar. Möbel aus einer längst vergangenen Zeit, die Martinas Herz höherschlagen ließen.
Ehrfürchtig ging sie im Lichtkreis ihres Handys das Verlies ab. Jahrelang standen Reliquien aus antiker Schönheit im Verborgenen und wurden jetzt von ihr neu entdeckt. Martina konnte ihr Glück kaum fassen. Der kleine Kreis des Lichtes huschte über die heutzutage begehrten Möbel aus einer anderen Epoche. Das verzierte Buffet aus Eiche stach Martina direkt ins Auge. Auf dem kleinen Tisch, der unmittelbar hinter dem Buffet angrenzte, fand Martina lose Papiere, deren geschnörkelter Schrift sie erstmals keine Bedeutung beimaß. Die Mitte dieser unterirdischen Gruft nahm ein alter hölzerner Operationstisch ein, dessen abnehmbare Platte Spuren reichlichen Gebrauchs aufwiesen. Ihr Hauptinteresse galt jedoch den medizinischen Instrumenten, die sich im Schein der Handy-Taschenlampe ordentlich aufgereiht auf der Ablage des Buffets darboten. Von den verschiedensten Scheren und Klemmen, über Nadeln und Pinzetten bis hin zu Zangen und Sägen war alles vorhanden. Das Prachtstück unter ihnen, von dem Martina hypnotisch angezogen wurde, war jedoch das Skalpell. Ein scharfes und glänzendes Messer, das durch die Haut schnitt, als wäre sie aus Butter. Ehrfürchtig ließ Martina ihre Hand über das Sammelsurium dieser Gegenstände gleiten, ohne sie zu berühren.
Bevor Martina in der Lage war, den gesamten Raum auszuleuchten, ging ihrem Handy der Sprit aus und schlagartig erlosch das Licht, wodurch ihr die wichtigste und angsteinflößendste Entdeckung erstmals erspart blieb. Durch die geöffnete Tür drang ein matter Lichtstrahl in das dunkle Verlies und leise fluchend ertastete Martina sich den Ausgang, stets auf der Hut, ihrem ärgsten Feind, der großen Spinne nicht erneut zu begegnen.
Just war Martina dem düsteren Kerker entflohen, lief sie flink nach oben und suchte laut fluchend im gesamten Haus nach einer Taschenlampe. Nachdem sie endlich eine fand, wollte das Leben ihr erneut einen Streich spielen, denn natürlich waren die Batterien leer.
„Verdammt noch mal, das kann doch nicht wahr sein. Wenn man mal so ein altmodisches Ding wie eine Taschenlampe braucht, funktioniert sie natürlich nicht!“
Wütend über ihre eigene Nachlässigkeit, warf sie die Taschenlampe achtlos in die Ecke und machte sich schnellstens auf den Weg, um neue Batterien zu besorgen. Nur schwer konnte sie ihre Aufregung unterdrücken. Am liebsten wäre sie mit Vollgas zum nächsten Elektriker gefahren. Doch sie ermahnte sich selbst und beruhigte sich mit den Worten, dass es nur ein alter, geheimer und vergessener Raum mit altmodischen Möbeln war, der von Mäusen und Spinnen bewohnt wurde. Sie ahnte ja nicht, welche riesige Entdeckung sie an diesem Tag in Wirklichkeit gemacht hatte und dass die Erforschung des Verlieses noch böse Überraschungen bereithalten würde.
Vor einem kleinen Elektroinstallationsgeschäft schaute Martina sich in Ruhe die Auslagen an und entdeckte einige starke Taschenlampen und Handscheinwerfer. Im Geschäft stand sie dann unschlüssig vor der riesigen Auswahl an Handlampen. Letztendlich brauchte sie nur ein paar neue Batterien für ihre Expedition mit der Taschenlampe.
Es war ein kleiner gemütlicher Laden. Die Regale und Vitrinen waren bis zum letzten Winkel mit allem möglichen Krimskrams vollgestopft. Martina fiel es schwer, hier auf Anhieb das Richtige zu finden. Kleine Kisten mit Schrauben, Nägeln und Kabeln sowie elektrische Geräte wie Radios, Lampen, Staubsauger und Waschmaschinen hatten ihren zugeordneten Bereich. Jeder freie Platz wurde genutzt. Es ergab sich ein Bild des übersichtlichen Wirrwarrs. Dafür bekam man in diesem Geschäft alles, was das Herz eines Elektrikers begehrte, von der kleinsten Schraube bis hin zu einem Wäschetrockner.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Ein kleiner grauhaariger Mann schlich um die Theke herum. Die gesamte Statur dieser Person sah gedrungen und fettleibig aus. Seinen riesigen Bauch vorwärts schiebend, kam er näher und blickte Martina mit seinen braunen Schweinsaugen listig an. In seinen knubbeligen, fleischigen Fingern hielt er ein Taschentuch, mit dem er seinen permanenten Schweißfluss auffing. Seine wulstigen Lippen waren leicht geöffnet und ließen einen Blick auf braune Zähne erahnen. Im leichten Watschelgang kam der Besitzer auf Martina zu und versuchte mit einem freundlichen Lächeln seiner Kundin behilflich zu sein.
„Was kann ich für Sie tun?“, sprach er Martina mit einer lispelnden, hohen Stimme an, als er keine Armlänge von ihr entfernt stehen blieb. Blitzartig verschlug es Martina den Atem. Der penetrante Mundgeruch dieses Mannes erreichte sie wie eine Gaswolke.
Den Kopf leicht wegdrehend, versuchte Martina ihr Anliegen vorzubringen, wobei ihr der lüsterne Augenausdruck dieses Mannes nicht entging. Mit einem anstößigen Blick musterte dieser schmierige, fette Typ Martina von Kopf bis Fuß. Interessiert beobachtete er, wie sie in ihren kurzen, knalligen Shorts und mit einem leichten Top bekleidet dastand. Während sich ihre Brüste bei jedem Atemzug leicht hoben und senkten, fuhr sie sich fahrig über ihre braunen kurzen Haare. In ihren kastanienbraunen Augen spiegelte sich der Ekel, den sie diesem Mann gegenüber verspürte, wider. Derweil starrte der Ladenbesitzer weiter auf Martinas schlanke und knabenhafte Figur. Angewidert von den notgeilen Blicken wollte Martina den Laden schon fluchtartig verlassen, als ihr Blick wie magisch angezogen auf einen gelben Handscheinwerfer fiel. Schnell drehte sie sich zum Verkäufer zurück und sprach mit einer lieblichen Stimme.
„Ich glaube, ich habe genau das Richtige entdeckt. Dieser kleine, gelbe Handscheinwerfer sieht aus, als wäre er das, was ich suchte. Nicht zu teuer, nicht zu groß oder zu schwer und mit genug Lichtleistung für mein Unternehmen.“
Ein strahlendes Lächeln erhellte Martinas Gesicht, während sie wie ein Wasserfall plapperte, um dieser unangenehmen Situation schnellstmöglich zu entfliehen. Kurz darauf stand sie, einen frischen tiefen Atemzug nehmend und mit dem kleinen Scheinwerfer vor dem Laden. Sie war froh, dieser misslichen Lage entronnen zu sein, ärgerte sich aber gleichzeitig, diesem unangenehmen Lustmolch nicht die Meinung gegeigt zu haben.