Banner
Ereignisse
<< September 2020 >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30        

Keine Ereignisse.

Mitglieder Online
Gäste Online: 11

Mitglieder Online: 0

Mitglieder insgesamt: 7
Neuestes Mitglied: Mandy Schur
Login
Benutzername

Passwort



Passwort vergessen?
Um ein neues Passwort anzufordern klicke hier.
Anmeldung
Newsletters

Anmeldung zum Newsletter






Angemeldet: 1376

Noch kein Kindle?

Buchvorstellung "Wie auf Sand"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  16-12-2019 15:15 16-12-2019 15:15 1364  Gelesen 1364 Gelesen
printer




!!! Neuerscheinung am 16.12.2019 !!!



"Wie auf Sand" Ein Thriller von Valeska Réon.



Fassungslos steht Maren am Grab ihres Klassenkameraden. Andreas wurde im Keller gefunden, an seinem Gürtel erhängt. War es wirklich Selbstmord?

Beim Leichenschmaus trifft sich die alte Clique aus Schulzeiten wieder. Jeder hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen, und mehr und mehr setzt sich aus all diesen Puzzlesteinchen ein komplett neues Bild zusammen:

Andreas war ein psychotischer Sadist, der viele Feinde hatte. Doch derjenige, der allen Grund hatte, ihn abgrundtief zu hassen, ist seit zwölf Jahren tot.

Maren begibt sich auf eine Spurensuche, die zu Sünden zurückführt, welche schon lange begraben schienen, aber lebendiger sind denn je …



Leseprobe:



PROLOG

Der Partykeller war so dunkel, dass man im ersten Moment die Hand vor Augen nicht sah. Ein blasser Junge, der unbeteiligt in einer Ecke saß, fühlte sich völlig fehl am Platz.
Was hatte er auf dieser Klassenfete verloren? Er war nur mitgegangen, weil sein bester Freund ihn darum gebeten hatte.
»Wer weiß, ob wir uns nach dem Abitur so schnell wiedersehen werden«, hatte er gemeint. Doch dem war gerade schlecht geworden und er war rausgegangen, um frische Luft zu schnappen.
Plötzlich standen drei Klassenkameraden neben dem blassen Jungen. Einer von ihnen hatte ihm vor wenigen Tagen erst seine Liebe gestanden. Nackt. Unter der Dusche in der Turnhalle.
Niemals hätte er gedacht, dass ausgerechnet der Mädchenschwarm seiner Stufe schwul war … Seine eigene sexuelle Orientierung war ihm bislang ein Rätsel geblieben. Mädchen fand er nett, aber körperlich nicht anziehend. Und seinen Klassenkameraden? So erregend der Anblick seines nackten Körpers auch gewesen war … nein, auch das war nicht das, was er wollte.
Er hatte ihn zurückgewiesen. Nackt. Unter der Dusche. Wie sehr ihn das verletzt hatte, bekam er nun zu spüren, denn die anderen beiden packten ihn und rissen ihm die Kleider herunter.
Eiskalte Angst jagte durch seine Adern.
Warum hilft mir keiner?, fragte er sich, als er ganz nackt vor ihnen stand. Wieso bekommt keiner von den anderen mit, was hier gerade mit mir geschieht?
Und dann war da dieses Lied, I’m not in love von 10cc, das sein Klassenkamerad ihm vor wenigen Tagen erst vorgespielt hatte, als er ihn in seinem Zimmer verführen wollte und er entsetzt aufgesprungen und dann weggelaufen war. Das, was nun folgte, war anscheinend die Rache für seine Verweigerung.
Sein Klassenkamerad, der plötzlich sein Feind zu sein schien, und dessen gläserner Blick nichts Gutes verhieß, öffnete seine Jeans, drückte ihn mit dem Gesicht nach unten auf eine der herumliegenden Matratzen und drang von hinten in ihn ein. Der Schmerz, der durch seinen Körper raste, war unbeschreiblich. Er wollte schreien, doch jemand hielt ihm den Mund zu.
Passend dazu setzte gerade die Frauenstimme des Liedes ein: Be quiet, big boys don’t cry … Sein Peiniger verfiel in ein irres Lachen und brüllte ihm ins Ohr: »Hörst du, große Jungs weinen nicht. Das hast du nun davon, dass du mich nicht wolltest, du mieser kleiner …«
Es war, als ob jemand ein scharfes Messer in ihn gerammt hätte und nun langsam umdrehen würde. Am liebsten hätte er sich auf der Stelle in Atome aufgelöst, die der Wind davontragen würde, als ob er nie existiert hätte. Und wenn er sein bisheriges Leben überdachte, war es, als hatte er tatsächlich nie wirklich existiert. Ungeliebt. Fremdbestimmt. Ein Leben, das man getrost ad acta legen konnte. In seinem Inneren herrschte bleierne Leere – und er ließ alles los, was ihm je etwas bedeutet hatte. Dann schlug die Brandung über ihm zusammen und riss ihn mit sich fort aufs offene Meer, wo er meinte, ertrinken zu müssen.
Danach kam nichts mehr. Nur noch die absolute Dunkelheit …


TEIL EINS


Die Gegenwart

»Wir sind heute hier versammelt, um von unserem geliebten Bruder Andreas Abschied zu nehmen, ein verdientes Mitglied unserer Gemeinde und ein Mensch, der uns immer in Erinnerung bleiben wird als …«
Maren Richter blinzelte erneut ihre Tränen weg. Ja, in Erinnerung bleiben, das würde Andreas ihr wohl für immer. Zu fest war er darin schon seit ihrer Schulzeit verankert. Die Klassenfete im Partykeller ihrer Eltern, die alte Matratze in der Ecke, Andreas’ Lippen auf ihren.
Das erste Mal, das sie …
»Lasset uns beten!«, riss die Stimme des Pfarrers sie aus ihren Gedanken. Mechanisch stand sie wie alle anderen auf. Die Vorstellung, dass der lebensfrohe Andreas nun tot in diesem mit Blumen überladenen Sarg lag … ein absurder Gedanke, der es noch nicht so recht auf die rationale Ebene ihres Gehirns geschafft hatte.
Auf der anderen Seite des Kirchenschiffes standen Stefan, Markus und Robert, ihre Klassenkameraden von früher. Während sie die ersten beiden fast täglich traf, da sie Nachbarn waren, hatte sie Robert seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr gesehen. Komisch, dass erst so etwas Schreckliches passieren muss, damit man sich wiedertrifft, ging es ihr durch den Kopf.
Ein erbarmungsloser Wind wehte über den Friedhof, als der Sarg im Grab versank. Kommende Woche wäre Andreas dreißig geworden. Viel zu jung zum Sterben, dachte Maren und merkte, wie ihr ein eiskalter Schauer den Rücken entlanglief. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht loszuschreien. Dann fiel ihr Blick auf Doro, die Witwe des Verstorbenen, und die beiden Kinder Julian und Luca. Sie sahen bestürzt aus, doch keiner von ihnen weinte. Nicht zum ersten Mal staunte Maren, dass sie weizenblond waren, obwohl Doro wie auch Andreas dunkle Haare hatten.
Alle lächelten ganz merkwürdig, gerade so, als wüssten sie nicht, was sie mit ihren Gesichtern tun sollten. Auf der anderen Seite des Grabes sah sie ihren ehemaligen Klassenkameraden Robert stehen. So lange war es her. »Hallo Rob! Schön, dich zu sehen. Wir haben ja seit Ewigkeiten nichts voneinander gehört, ich wusste gar nicht, dass du wieder in Hamburg bist.« Marens Freude war echt, früher waren sie eine unzertrennliche Clique gewesen, hatten so viele gemeinsame Erinnerungen. Auch die an jenen Tag, als …
»Darf ich dir meine Frau Iris vorstellen?«, holte Markus sie in die Gegenwart zurück.
»Angenehm«, sagte Robert zu der brünetten Frau an Markus’ Seite.
»Und das ist meine Frau Stefanie«, sagte Stefan, um dann schnell hinzuzufügen: »Jaja, Stefan und Stefanie, den Witz haben wir schon tausendmal gehört.«
Alle lachten und waren froh, dass die Stimmung so gelöst war.
»Und Rob, möchtest du uns deine Begleiterin nicht auch vorstellen?« Stefan hatte sie die ganze Zeit angestarrt, wie er es schon in der Schule bei allen Mädchen getan hatte. Mit einem Blick, der eindeutig bis unter ihre Klamotten ging.
Erst jetzt fiel Marens Blick auf die Frau mit den kupferblonden Haaren neben Robert. Er war immer der Außenseiter gewesen, der, den man nie zu bösen Streichen überreden konnte, der nie blaumachte, dem es immer egal gewesen war, ob er nun dazugehörte oder nicht. Der dann aber auch das beste Abitur ihres Jahrgangs hingelegt hatte. »Oh, entschuldigt bitte, das ist meine Frau Lea.«
»Freut mich, euch kennenzulernen«, meinte diese mit einer angenehmen, ja, fast schon melodischen Stimme und reichte jedem die Hand. Der schwarze Mantel betonte die Blässe ihrer Haut, unter ihrem sorgfältig aufgetragenen Make-up konnte man den Anflug von honigfarbenen Sommersprossen erkennen. Sie war nicht im klassischen Sinne schön, aber auf den zweiten Blick offenbarte sich dem Betrachter eine Attraktivität, die durch ein inneres Strahlen betont wurde.
Maren kam sie irgendwie bekannt vor, aber ihr wollte partout nicht einfallen, wo sie diese Lea schon einmal gesehen hatte. Als sie an sich hinunterblickte, kam sie sich schäbig vor, denn auch wenn sie für eine Beerdigung angemessen gekleidet war, so trug sie wie immer Sneakers. Sie konnte sich lediglich an zwei Gelegenheiten erinnern, wo sie hohe Absätze getragen hatte: auf jener merkwürdigen Party damals bei Andreas und bei ihrer Hochzeit mit Frank. Dagegen sah Lea aus, als wäre sie gerade aus einem Hochglanzmagazin gefallen.
»Mensch, Rob!« Stefans Lachen war immer noch so dröhnend wie früher, als er seinem Schulfreund auf die Schulter haute. »Erst legst du das beste Abi von uns allen hin – und nun schleppst du auch noch diese Wahnsinnsfrau hier an.« Er nahm Leas Hand und deutete einen Handkuss an, was diese jedoch nur mit einem ruhigen Lächeln und einem charmanten Blick aus ihren grünen Augen quittierte, ansonsten schien sie völlig unbeeindruckt. Wäre sie nicht so extrem freundlich gewesen, hätte man sie leicht für arrogant halten können.
»Du hast getrunken, Stefan«, rügte ihn Stefanie. Sicherlich war diese Lea hübsch, aber Stefans Reaktion war dann doch etwas überzogen. Damit hatte er sie schon oft im Beisein anderer kompromittiert und in all den Jahren ihrer Ehe immer noch nicht verstanden, dass er sie damit nicht eifersüchtig machte, sondern vielmehr zum Fremdschämen brachte. »Halt jetzt besser deinen Mund!«, unterbrach sie daher seinen Redeschwall. »Kommt, lasst uns ein paar Schritte gehen.«
»Ja, vor allem weg von diesem Ort des Grauens«, pflichtete Iris ihr bei und hakte sich bei ihr unter, anscheinend standen sie sich sehr nah. »Ich hasse Friedhöfe«, fügte sie noch hinzu.
»Also ehrlich gesagt habe ich Hunger«, stellte Markus fest. »Sollen wir nicht irgendwo eine Kleinigkeit essen gehen?«
In diesem Moment kam Doro, die Witwe von Andreas, an ihnen vorbei. Maren nahm sie in den Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr, was aber niemand sonst hören konnte. Als Maren sich zu der etwas kleineren Doro runterbeugte, flackerte die Szene von der Klassenfete vor ihr auf. Es war kurz vor dem Abitur, im Hintergrund lief ›I’m not in love‹ von 10cc und Andreas hatte sie gefragt, ob sie nicht nur ihn, sondern auch seinen kleinen Freund lieben würde.
»Wie meinst du das?«, hatte sie mit großen Augen entgegnet.
»Na, den hier!«, hatte er grinsend erwidert und den Reißverschluss seiner Jeans geöffnet, um dann …
Mein Gott, sie war so jung gewesen und völlig unbedarft. Geheiratet hatte Andreas Jahre später dann jedoch Doro …
»Ja, ich komme gern mit«, drang deren Stimme aus weiter Ferne an Marens Ohren.
Viele Jahre lang hatte sie nichts anderes für Doro empfinden können als abgrundtiefen Hass, wobei sie ja absolut nichts dafür konnte, wie Maren sich immer wieder eingestehen musste. Im Studium hatte sie dann Frank kennengelernt, mit dem sie so glücklich geworden war, wie sie es mit Andreas nie geworden wäre. Zumindest hatte sie sich dies gebetsmühlenartig immer und immer wieder vorgesagt, bis es zu ihrem persönlichen Mantra geworden war. ›I’m not in love‹ – dieses Lied war seit jener Klassenfete untrennbar mit Andreas verbunden, und dies aus mehreren Gründen.
Doch letztendlich hatte sich ihr Herz dann doch für Frank geöffnet, sie waren ein eingespieltes Team und ihre Zwillinge Marie und Sophie gerade eingeschult worden.
Maren hatte sich bei Doro untergehakt, die den Tod von Andreas zumindest rein äußerlich besser wegsteckte als gedacht. »Die Kinder sind mit zu meiner Mutter gegangen«, erklärte Doro, woraufhin Maren meinte: »Da sind sie bestimmt gut aufgehoben, sie lieben ihre Oma doch so sehr.«
Direkt vor ihnen gingen Rob und Lea Hand in Hand. Ein hübsches Paar, dachte Maren, und sie freute sich für ihren ehemaligen Schulkameraden. Immer wieder hatten sie zu Schulzeiten hinter vorgehaltener Hand darüber spekuliert, ob er nicht vielleicht doch schwul war. Er und Michael … das war damals schon mehr als nur ein Tuschelthema gewesen.
Diese auf ihre ganz eigene Art hübsche Frau sprach jedoch gegen all die Gerüchte, die seinerzeit über ihn im Umlauf gewesen waren. Und die sehnsüchtigen Blicke, mit denen Stefan Lea nach wie vor bedachte, zeigten mehr als deutlich, dass Rob ein Glückspilz war.
Wenig später saßen sie alle zusammen im Haerlin, dem Edelrestaurant im Hotel Vier Jahreszeiten »Ach, Doro«, ergriff Markus als Erster das Wort. »Ich weiß, wie schwer es ist, jemanden gehen zu lassen, den man liebt.«
»Ja, danke für deine Anteilnahme«, nuschelte Doro in ihren Weißwein. Bereits vor der Beerdigung hatte sie eine Beruhigungstablette mit einem Glas Whisky genommen, der Wein tat nun sein Übriges.
»Warum hat er das getan?«, fügte Stefan hinzu, dessen Alkoholpegel den von Doro bereits bei Weitem überschritten hatte. »So viel Feigheit hätte ich ihm gar nicht zugetraut.« Er bemühte sich gar nicht erst darum, seiner Stimme einen mitleidigen Klang zu verleihen. Stefanie boxte ihn unter dem Tisch in die Seite, trotzdem bekamen es alle mit.
»Ist schon in Ordnung«, entgegnete Doro, »ich kann darüber reden. Ich möchte darüber reden.« Sieben Paar Augen starrten sie neugierig an, alle hielten den Atem an, als Doro die Bombe platzen ließ: »Ich bin schon eine ganze Weile in Behandlung, es … es lief schon lange nicht mehr gut zwischen uns.«
»Du musst das nicht erzählen.« Markus nahm Doros Hand und drückte sie. Er warf ihr einen Blick zu, der alle Anwesenden aufschauen ließ. Seit wann stehen Doro und Markus sich so nah?, fragte sich Maren.
»Doch, ich möchte, dass ihr es wisst«, fuhr Doro fort. »Andreas, also … ich meine den Andreas, den ihr kanntet, das war nur ein Teil seiner Persönlichkeit, sozusagen der nette. Er hatte jedoch eine dunkle Seite, die …« Doro warf jedem einen durchdringenden Blick zu, um dann bei Lea zu stocken. »Ich gehe gern raus, wenn Sie …«, meinte diese leise.
»Nein, alles gut, bleib sitzen. Und bitte sag doch Du zu mir.«
Rob legte einen Arm um seine Frau, was sie sehr zu genießen schien. Die beiden haben eine Aura, dachte Maren. Leas Blick klebte förmlich an Rob, sie schien sehr betroffen von dem Gespräch, dessen Zeugin sie gerade wurde.
»Na ja«, fuhr Doro fort, »wie das eben so ist, wenn man sich seit der Schule kennt und sich dann in andere Richtungen entwickelt.«
»Hatte er jemand anderen?« Marens Neugierde war mal wieder schneller als ihr Gehirn. »Oh, entschuldige, das geht mich ja auch gar nichts an.«
Iris und Stefanie wechselten einen bedeutungsvollen Blick, der Maren nicht entging, aber als sie merkte, dass sie auf eine Mauer des Schweigens prallte, zuckte sie mit den Schultern und bestellte sich noch einen Kaffee. Nicht zum ersten Mal hatte sie den Eindruck, dass die anderen sie ausschlossen. Gerade so, als hätten sie etwas vor ihr zu verbergen, als wäre sie heutzutage die Außenseiterin, die nicht dazugehörte, so wie Doro es zu Schulzeiten gewesen war.
Markus und Stefan mochten ihren Mann Frank nicht, und Andreas hatte seinerzeit auf Marens Hochzeitsfeier eine Rede gehalten, die in seiner Offenbarung gipfelte: »Du hättest etwas Besseres verdient als dieses Weichei!« Ein betretenes Schweigen war dem zuvor noch tosenden Beifall gewichen, denn Andreas wusste als begnadeter Redner, wie man Menschen in seinen Bann zieht, sie dahingehend manipuliert, dass sie ihm von Nutzen waren. Maren hatte verlegen an ihrem Brautkleid gezupft und nicht zum ersten Mal den Eindruck, dass er es ihr nie verziehen hatte, ihn auf dieser Klassenfete zurückgewiesen zu haben. Vor allen anderen. Wobei … irgendwie hatte keiner etwas mitbekommen von dem, was Andreas an diesem Abend noch alles gemacht hatte, auch sie nicht. Seit seinem Tod indes dachte sie oft an diesen merkwürdigen Abend zurück, doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte, es schien, als ob die Ereignisse von damals kurz vor der Barriere ihrer Erinnerung von einem Grenzposten immer wieder in die Dunkelheit des Vergessens zurückgejagt wurden.
Ja, ihr Frank war ein ganz anderer Typ Mann als Andreas, aber genau deshalb liebte sie ihn ja.
Oder?
Doros Alkoholpegel näherte sich dem Punkt, wo die Wahrheit wie von selbst über die Lippen sprudelte. »Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob Andreas jemand anderen hatte, aber … Nun ja, er war nur noch selten zu Hause. Irgendwann wäre er wahrscheinlich gegangen.«
»Zumindest ist er nicht der Erste aus unserer Klasse, der von uns geht!«, unterbrach Stefan die eingetretene Stille, anscheinend hatte er die Bedeutung von »gegangen« anders interpretiert. Sein Blick war mittlerweile glasig und er wie so oft dort angelangt, wo alles bei ihm möglich wurde. Wer genau hinsah, merkte, dass seine Frau Stefanie die Luft anhielt, weil sie offenbar mit dem Schlimmsten rechnete.
»Halt die Klappe!«, fuhr Markus ihn an, doch nun kam Stefan erst so richtig in Fahrt. »Hey, wir wissen doch alle, was damals mit Andreas und Michael passiert ist, als …«
So betrunken er auch war, funktionierte sein Gehirn doch noch so weit, dass er auf Leas fragenden Blick reagierte. Er räusperte sich, um dann in ruhigerem Ton fortzufahren:
»Entschuldige bitte, ist mir so rausgerutscht.« Er schaute, nun wieder vollkommen ruhig, auf die kupferblonde Frau an Robs Seite, um fortzufahren: »Einer unserer Klassenkameraden hat sich kurz nach dem Abitur das Leben genommen, weil …«
»Weil was?« Markus’ Stimme hatte einen schrillen Klang angenommen. »Warum Michael sich umgebracht hat, wissen wir doch wohl alle. Dieser miese kleine Pisser, zu feige, um sein armseliges Leben zu ertragen, den hätte man doch …«
»Markus, bitte!«, wies Doro ihn streng zurecht. Die Stimmung schien gerade zu kippen, als Lea aufstand und leise meinte: »Entschuldigt mich bitte, ich muss mal wohin.«
Als sie gegangen war, meldete sich das erste Mal Rob zu Wort. »Na großartig, dass sie es so erfahren musste.«
»Was können wir dafür, wenn du deiner Frau deine Vergangenheit verschweigst?« Stefans Alkoholpegel hatte mittlerweile die Grenzen des guten Geschmacks deutlich überschritten.
»Was soll ich Lea denn eurer Meinung nach verschwiegen haben?« Im Gegensatz zu Stefan klang Rob sehr ruhig und besonnen.
»Na, dass du eigentlich eine Schwuchtel bist … Oder zumindest zu Schulzeiten auf Kerle gestanden hast. Wobei …« Stefan lachte dreckig. »Michael war ja gar kein Kerl, er hat sich noch nicht mal gewehrt, als wir ihn …«
Lea kam zurück, was ihn augenblicklich verstummen ließ. Um die verräterische Ruhe zu überbrücken, die abrupt entstanden war, fragte Maren: »Sag Lea, sind wir uns schon irgendwo begegnet? Du kommst mir so bekannt vor.«
»Nein. Nicht, dass ich wüsste«, erwiderte sie und lächelte Rob an, der ihr einen Kuss auf die Stirn setzte und ihr dann über die Wange strich.
»Na, ihr beide seid ja voll verknallt«, stichelte Stefan.
»Sie ist alles für mich. Alles, was ich mir je wünschte und alles, was ich brauche.«
Maren schluckte trocken, als Stefan ihre plötzlich aufkommenden romantischen Gedanken mit der Frage unterbrach: »Wie lange seid ihr denn schon verheiratet?«
»Fast zwei Jahre.« Rob warf jedem Einzelnen einen triumphierenden Blick zu, der selbst Stefan verstummen ließ. »Lea ist Kinderbuchautorin, vielleicht kennt ihr ›Charlotte Innendrin‹. Ist in mehrere Sprachen übersetzt worden.«
»Du bist Melora Miller?« Maren war die Erste, die die Sprache wiederfand. »Aus Charlotte lese ich meinen Zwillingen vor dem Schlafengehen immer vor, sie lieben es.«
»Wir unserer Jana auch«, fügte Iris hinzu. »Markus, hast du ihr nicht gestern Abend noch daraus vorgelesen?«
»Ja, es ist grandios. Hast du die Illustrationen selbst gemacht?«
»Nein, das hat der Verlag in Auftrag gegeben«, erklärte Lea mit ihrer melodischen Stimme. »Sie sieht übrigens in jedem Land ein wenig anders aus.«
Es schien ihr peinlich zu sein, dass Rob ihr Alter Ego als Autorin aufgedeckt hatte. »Aber die Ideen dazu kamen von mir. Es ist das Buch, das ich mir als kleines Mädchen gewünscht hätte.«
Rob strahlte sie an, er schien vor Stolz fast zu platzen.
»Wo habt ihr euch kennengelernt?«, fragte Maren ungeniert weiter. Sie war in der Schule schon immer die Neugierigste von allen gewesen, aber in ihrer netten Art verpackte sie es so gut, dass ihr niemand böse sein konnte.
»Leas Verlag in London hatte mich engagiert, ihre Autorenfotos zu machen, und da hat es zwischen uns gefunkt.«
»Jetzt sag nicht, du bist Fotograf geworden.« Stefan verlieh seiner Stimme absichtlich einen sarkastischen Unterton, als er fortfuhr: »Ah, verstehe. Scharfe Models, Orgien. Sex, Drugs and Rock’n’ Roll …«
»Ja, genau«, erwiderte Rob ungerührt. »VOGUE, ELLE, Sports Illustrated. Ich bin gerade erst von einem Shooting auf den Seychellen zurückgekommen.«
»Na, Lea«, legte Stefan nach, »hast du da nicht manchmal Angst um deinen Rob?«
Sie holte tief Luft und strich sich eine Strähne ihres rotblonden Haares hinters Ohr, die sich aus der Hochsteckfrisur gelöst hatte. »Nein. Sollte ich?« Ihre fast sachlich formulierte Gegenfrage, gepaart mit diesem charmanten Blick aus ihren grünen Augen, brachte dann sogar den aufsässigen Stefan dazu, endlich Ruhe zu geben.
»Und ihr wohnt nun wieder hier in Hamburg?«, wollte Maren wissen.
»Ja, seit Anfang des Jahres«, antwortete Lea. »Zuvor haben wir in London und dann in New York gewohnt.«
»Ich freue mich so sehr für euch«, meinte Maren, die Lea direkt in ihr Herz geschlossen hatte. Da hat das Schicksal endlich mal die Richtigen ausgesucht, um glücklich zu werden, dachte sie im Stillen.
»Komm uns doch mal besuchen.« Lea lächelte Maren zu, und auch wenn diese nicht auf Frauen stand, so konnte sie nur allzu gut nachempfinden, was Rob für sie fühlte. »Rob und ich würden uns sehr freuen. Bring deinen Mann und die Zwillinge gern mit.« Es schien ihr kein bisschen peinlich zu sein, dass sie nur Maren und keinen der anderen Anwesenden mit einer Einladung bedacht hatte.