Banner
Ereignisse
<< September 2020 >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30        

Keine Ereignisse.

Mitglieder Online
Gäste Online: 2

Mitglieder Online: 0

Mitglieder insgesamt: 7
Neuestes Mitglied: Mandy Schur
Login
Benutzername

Passwort



Passwort vergessen?
Um ein neues Passwort anzufordern klicke hier.
Anmeldung
Newsletters

Anmeldung zum Newsletter






Angemeldet: 1376

Noch kein Kindle?

Buchvorstellung "Tränendes Herz"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  28-01-2020 00:05 28-01-2020 00:05 1300  Gelesen 1300 Gelesen
printer




"Tränendes Herz" Ein Thriller von Judith Anton.



„Wenn man einen Körper öffnet, sieht man das vergorene Innere“, raunt er. „Das Blut spült die Wahrheit heraus.“ Sein Lachen huscht durch den Raum.

Eine brutale Mordserie im Obdachlosenmilieu führt Gesellschaftsaussteiger Ronald auf die Spur eines abstrusen Rachefeldzuges.
Im Wettlauf gegen den Blutrausch gerät er selbst ins Visier des Mörders.

Ein gefährliches Versteckspiel beginnt, in dem nicht jeder ist, was er zu sein vorgibt …



Leseprobe:



Wenn ein Obdachloser stirbt, sucht das Ordnungsamt über Meldebehörden, Standesämter und Nachlassgerichte nach den Angehörigen. Findet sich niemand, oft, erfolgt die Bestattung von Amtswegen. Anonyme Gräber für die armen Teufel. Eine Namensplatte mit Geburts- und Sterbedatum gibt es nur, wenn jemand dafür zahlt.
Noch ist unklar, ob Stevie in dieser Stadt geboren wurde. Er hat Unterschiedliches erzählt, war in seinen letzten Jahren nicht immer bei klarem Verstand. Angehörige haben sich bislang nicht gemeldet. Ronald glaubt auch nicht daran. Stevie war seit Jahrzehnten allein. Bei ihm gab es nichts zu holen.
Sobald seine Leiche freigegeben ist, wird sie auf einem besonderen Areal auf dem Hauptfriedhof die letzte Ruhe finden. Reihengräber für Wohnsitzlose. Ein einfacher Sarg, der im Feuer zerfällt. Ein Blumenkranz auf Rasen, vielleicht ein Holzkreuz, das ist alles, was von ihm bleibt. Ein-Euro-Jobber mähen die Gräber.
Ronald hat mehrfach an solchen Begräbnissen teilgenommen. Zehn Jahre Nomadenleben bringen so manches mit sich, das sich für immer einprägt. Niemals vergessen wird er einen Polen namens Karol, der vor seinem letzten Atemzug mit nur zweiundfünfzig Jahren wochenlang mit ihm musiziert hatte. Eine Mundharmonika an den aufgesprungenen Lippen, die Füße im Takt polnischer Folklore. Jakhana. Jakhana.
Die Mundharmonika war nicht aufzufinden, als man Karol abtransportierte. Er war auf einer Bank für immer eingeschlafen. Zu seinem Begräbnis kamen viele. Es gab keine Eleganz, aber Musik. So hatten sie ihm die letzte Ehre erwiesen. Ein polnischer Landsmann hatte den Inhalt seiner Bierdose über dem Grab geleert.
„Na zdrowie, Karol! Spoczywaj w pokoju!“ Ruhe in Frieden.
Ich werde Augen und Ohren offenhalten, beschließt Ronald. Keiner soll seine Schützlinge ungestraft anrühren, da ist er eisern. Stevie war sein Freund. Das hier ist persönlich (…)


(…) Zu Fuß braucht Ronald dreißig Minuten, dann liegen die Skelette der Gewerbehallen im letzten Tageslicht vor ihm. Der Stadtverkehr ist längst nicht mehr zu hören. Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft hat dieses Fleckchen Erde nicht erreicht. Hier wurde zu inständig daran geglaubt, dass auf magere Jahre fette folgen. Eine der verlassenen Gewerbehallen soll in eine Diskothek verwandelt werden, doch noch lange wird niemand das Tanzbein schwingen. Wenn überhaupt.
Ronald tritt aus dem Birkenwäldchen auf die Lichtung und stemmt die Hände in die Hüften. Müll gammelt neben dem Trampelpfad, der ihn hergeführt hat. Dornengestrüpp klammert sich an die Stahlgerüste vor ihm und die Moose verströmen einen erdigen Geruch. Er lässt den Blick schweifen. Hier ist es passiert. Mit geschlossenen Augen versucht er, die Szenerie heraufzubeschwören. Ein Nachtlager aus Kleidung, vielleicht Pappe und Plastiktüten. Ein Mann, der sich darauf zusammengerollt hat. Er ist allein, ist an diesen abgelegenen Ort gekommen, um die Strapazen des heißen Tages abzustreifen. Nichts gegessen, zu wenig getrunken. Sicher schmerzen seine Füße und der Rücken. Jemand nähert sich, tritt aus dem Wäldchen. Kennen sie sich? Was sprechen sie? Was geschieht dann? Ronald öffnet die Augen, wird sich der Abgeschiedenheit vollständig bewusst und erschaudert.
Der Mann auf dem Lager fleht: „Nein, nicht.“ Seine Stimme ist verwaschen vom Schnaps.
Er kann nicht mehr aufstehen und krümmt sich vor Schmerzen. Ist es so abgelaufen?
Das Messer saust auf ihn herab, dringt durch Kleidung, Haut und Muskeln.
Angst. Schmerz. Keine Kraft zum Kampf. Dann die Gewissheit: Kein Entkommen.
Ein paar Tage lang lag der Tote genau hier in Blut und Erbrochenem. Obwohl die Polizei alles durchkämmt hat, sucht Ronald den Boden und das umliegende Gestrüpp ab. Die Fensteraugen der Lagerhallen blicken auf ihn herab. Könnte der Mörder von dort aus gesehen worden sein? Unwahrscheinlich. Es war dunkel.
Aber die Geräusche. Röcheln. Flehen. Ratsch. Sie bohren sich in Ronalds Herz. (…)


(…)
Der Bus ließ die Innenstadt hinter sich und nahm an Fahrt auf. Alexander entspannte sich ein wenig. Die Bäume am Straßenrand tauchten sein Gesicht abwechselnd in Licht und Schatten. Moritz. Er sah den Bruder im Treppenhaus stehen. An dem Tag, als sie sich zuletzt gesehen hatten. Eine Woche vor dem Unfall. Etwas speckig um die Hüften, in einem T-Shirt mit der Aufschrift: Bei manchen Leuten sieht joggen irgendwie aus wie sterben. Mit Anlauf. Im Sterben war der Idiot dann ja sehr erfolgreich gewesen.
„Du solltest hier mal aufräumen, Alter. Es stinkt“, sagte Moritz. Mit diesem Du-hast-es-echt-nicht-drauf-Grinsen, das Alexander schon in ihrer Kindheit auf die Palme gebracht hatte. Vom Tag seiner Geburt an war Moritz ein lästiger Eindringling in Alexanders Welt gewesen, die schon zu wenig für nur einen Jungen abwarf. Bevor Moritz sich an einem nasskalten Novembertag aus der Mutter herausgepresst hatte, war Alexanders Leben nicht gut, aber wenigstens noch kein Scheißhaufen gewesen. Dieser Tag hatte alles verändert. Mutter wurde noch müder und blasser. Sie schloss sich stundenlang im Schlafzimmer ein, während Vater neben dem quäkenden Bündel Kind hockte, das zwischen den Sofakissen zappelte, und sich vor der Sportschau betrank. Alexander brachte ihm Bier oder Zigaretten vom Kiosk, bediente ihn, damit er einsah, was für einen tollen Jungen er bereits hatte. Wofür ein zweiter, der nichts konnte als schreien und stinken?
„Ruhe, du Rotzgöre“, nuschelte der Vater, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden.
Damals war Alexander sieben Jahre alt gewesen. Er hatte sich in seiner Welt orientieren können, einen Platz gefunden, der zwar nicht viel abwarf, aber verlässlich war. Und dann das! Manchmal wurde er so wütend, dass er dem Bündel auf der Couch einen Hieb verpasste oder es in die dicken Beinchen zwickte, bis das Quietschen so schrill wurde, dass Vater mit seinen gelben Augen herüberspähte. „Behalt die Finger bei dir! Wickel den da lieber mal.“
Tatsächlich gehörte der Windelmuff damals ebenso zum Sozialwohnungsinventar wie die Matratze ohne Gestell, auf der Alexander unter ungewaschenen Decken schlief.
Jedenfalls zauberte Alexander in solchen Momenten ein Schnapsfläschchen aus seiner Second-Hand-Shorts: Tadaaa! Bester Sohn der Welt! (…)


(…) Meine Tante starb früh morgens in ihrem Bett. Sie wog zu diesem Zeitpunkt noch etwa vierzig Kilo, ihr Atem rasselte seit Tagen und roch süßsauer.
Manchmal sprach sie von meiner Mutter. Ihrer Schwester. Und dann sah sie mich an, als wisse sie alles. Im nächsten Moment schrie sie nach Grießpudding. In ihren letzten Wochen aß sie fast ausschließlich Grießpudding.
Ich brachte ihr das glibberige Zeug in großen Porzellanschalen und konnte der Versuchung nur schwer widerstehen. Stattdessen schaufelte ich Löffel um Löffel in ihren schlaffen Mund und sah ihr beim Schlucken zu. Ihr Kinn und ihre Mundwinkel waren voller Grieß.
„Gott will nicht, dass ich in eine Klinik gehe“, sagte sie manchmal, als hätte sie eben mit ihm telefoniert. Dann drückte mein Onkel ihre Klauenhand und nickte wissend.
An jenem Morgen, als es endlich soweit war, wachte ich vom Keuchen meiner Tante auf und schlich durch den Flur bis zu ihrem Schlafzimmer.
Die Tür war verschlossen. Ich öffnete, ohne zu klopfen.
Dieses Keuchen. Sie lag auf dem Rücken, die eingefallenen Augen weit aufgerissen.
Mein Onkel schüttelte sie.
Wir wussten alle drei Bescheid. Und als sie ein letztes Mal tief einatmete, aber nie wieder aus, da wollte ich sehen, wie sich die Seele von ihrem zerstörten Körper hebt.
Doch lediglich ein schmales rotes Rinnsal floss aus ihrer Nase.
Ein Erwachsener hat fünf bis sechs Liter Blut im Körper, abhängig von Größe, Gewicht und Körperbau. Jeden Tag bilden sich etwa zweihundert Milliarden neue Blutkörperchen. Das sind etwa zwei Millionen pro Sekunden. Wenn Blut fließt, wird es ernst. Lebensbedrohlich, wenn mehr als ein Drittel verloren geht.
„Das Blut ist es, welches Sühnung tut.“ Mose.
„Fast alles wird nach dem Gesetz mit Blut gereinigt, und ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung.“ Hebräer.
Und Tucholsky sagte: „Der Mensch besteht aus Knochen, Fleisch, Blut, Speichel, Zellen und Eitelkeit.“
All das schoss mir durch den Kopf, während meine Enttäuschung wuchs, weil sie ihren Lebenssaft nicht freigab. Weil sie ihre schmutzige Seele vor meinen Blicken verbarg.
Der Onkel schrie und brabbelte, während er ihre Schultern umklammerte und an ihrem schlaffen Körper rüttelte. Speichel flog auf seinen karierten Pyjama. Ohne Brille war er fast blind. Seine Augen quollen aus den Höhlen. Er sah einfach lächerlich aus.
Irgendwann bemerkte er mich. Sein Gesicht war fast so grau wie ihres.
Er starrte mich an. Kurz befürchtete ich, er wolle aufstehen, um mich an seine bebende Brust zu drücken. Doch er wich zurück. Sein dicker Hintern fegte die Nachttischlampe zu Boden. Es knallte. Porzellan splitterte.
Da merkte ich, dass ich lachte.
Ich hatte verstanden. (…)